Kaffee-Tradition bröckelt
Tee-Time in Paris

Ob England, Deutschland oder Frankreich – überall hat der Kaffeegenuss auf seine eigene Art einen festen Platz. Doch langsam aber sicher macht die exklusive Tasse Tee dem Coffee to go den Garaus – sogar in der Café-Stadt Paris.

Yu Hui Tseng ist guter Dinge. „Europa wird die chinesische Teekultur retten“, sagt die Besitzerin des „Maison des Trois Thés“ („Haus der drei Tees“) in Paris charmant-energisch. Tatsächlich kehren junge Briten zur Teatime der Eltern zurück. Deutsche beweisen Stil, indem sie Kaffee to go kalt werden lassen und sich zur Teezeremonie treffen.

Doch allen voran schlürft Frankreich. Und bleibt bei dem Ausflug weg vom Kaffee der eigenen Tradition treu: Zur englischen Teestunde werden französische Patisserien gereicht.

Im Mariage Frère gehören zum französischen Nachmittagstee zum Beispiel Brioche mit Teekonfitüre und zum Lunch Foie Gras von der Ente auf Aspik von Marco-Polo-Tee. Zwei Varianten aus der Karte, die durchaus sättigen.

Im Hotel Bristol wird es ganz üppig. Nichts für Kalorienzähler sind die dreistöckigen Arrangements mit Mini-Sandwichs Petit Fours und Madeleines. Und Teegebäck schmeckt dort wirklich nach Tee: etwa die Makronen, die eine Note grünen Tees mit roten Früchten verbindet, oder das Plätzchen „Rève da la Martinique“ (Traum von Martinique), das kräftiges Ananas-Aroma mit Grüntee paart.

Nur Yu Hui Tseng kapriziert sich in ihrer Pilgerstätte für Teekenner aus ganz Europa völlig auf das heiße Gebräu. Die französischen Kunden ertragen es mit Fassung – und werden sofort durch den dezenten Wohlgeruch des Salons entschädigt.

Verzicht auch beim Interieur: An den Wänden stehen Hunderte von Metalldosen mit chinesischen Schriftzeichen. Davor eine Theke aus dunklem Holz und Holztische mit weißen Teekannen. Der Schatz befindet sich im Keller: 17 Tonnen Tee, mancher über 100 Jahre alt. Tausend Sorten lagern hier, die teuerste ausgeschenkte Tasse Tee soll 5 000 Euro wert gewesen sein. Sparsamere Gemüter geben sich mit einem Tässchen für 29 Euro zufrieden.

Der duftende Dampf, der aus den kleinen Porzellanschalen steigt, entführt ins moosige Unterholz Südchinas – oder an kieferbewachsene Berghänge wie der Wulong von einem 180 Jahre alten Teestrauch. Chefin Yu Hui Tseng, die ihre Mitarbeiter ganz selbstverständlich „Meisterin“ nennen, ist eine zarte Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie stammt aus ältester chinesischer Aristokratie: Ahnherr ihrer Familie war ein Schüler von Konfuzius.

Ihre Nase, mit der sie der Qualität von Tees nachspürt, ist versichert wie dereinst die Beine von Marlene Dietrich. In China mit seiner hoch entwickelten Teekultur kann ein Kilo Tee teurer sein als der teuerste alte Bordeaux-Wein: 870 000 Euro bezahlten Liebhaber vor ein paar Jahren für ein Kilo Tee – begutachtet von Madame Tseng.

„Tee entfaltet noch vielfältigere Aromen als Wein“, sagt sie, „und sie folgen viel schneller aufeinander.“ Nicht zuletzt deshalb kommen die Stars anderer Genussdisziplinen zu ihr, um ihre Werke zu vollenden: So Drei-Sternekoch Alain Senderens, der für sein Restaurant am Place de la Madeleine ein Menü entwickelt hat, das zu ausgewählten Tees von Madame Tseng passt. Und der Pariser Chocolatier Robert Lynx organisiert Verkostungen seiner Schokolade mit Tee von Madame Tseng.

Aroma-Sieger

Maison des trois thés: 1, rue Saint-Médard

Mariage Frères: 13, rue des Grands Augustins

Hotel Bristol Paris: 112, rue du Faubourg Saint Honoré

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