Kanada: Der Schnee ist das Ziel

Kanada
Der Schnee ist das Ziel

Frühmorgens sei der Pulverschnee noch makelos, behaupten die Experten. Raus also. Und so hocken wir schon gegen halb acht im Coyotes Deli & Grill zu Banff, mümmeln uns ein wenig muffelig durch Pfannkuchen mit kanada-notorischem Ahornsirup und Omelettes. Kraftnahrung für die nächsten Großtage auf Ski.

HB BANFF. Draußen gibt die Natur derweil alles. Nur die oberen Felslinien des „Cascade Mountains“, auf den die Hauptstraße des 7 000-Einwohner-Städtchen geradewegs zuzulaufen scheint, sind vom Licht der Morgensonne in ein kräftighelles Rosa getaucht und heben sich gegen das noch müde Graublau des Morgenhimmels ab. Wie mit dem Lineal gezogen wirkt der Wechsel von Blau, Rosa, Schneeweiß und Felsgrau dort oben auf knapp 3 000 Höhenmetern. Wer jetzt Zeit hat, der staunt.

Alle anderen machen sich ins Banffer Skigebiet Sunshine Village auf, um den frühen Schnee zu zu durchfurchen. Sunshine Village, das sich gerne als Kanadas führendes Skigebiet feiert, liegt acht Kilometer westlich von Banff und etwa 135 Kilometer westlich von Calgary, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta.

Rund zehn Skilift-Anlagen und Gondeln führen zu den 107 Abfahrten, auf denen sich die Kenner von 2 730 Metern Höhenunterschied auf 1 658 Meter in der Talstation fallen lassen können. Die längste Abfahrt ist acht Kilometer. Als spektakulär gilt der „Delirium Dive“, ein Dorado für ausgewiesene Skiexperten, das dramatisch steil zwischen „The Eagles“ und dem „Lookout Mountain“ abfällt.

Lifte und Gondeln sind auf 20 000 Skifahrer pro Stunde ausgerichtet – und genau diese Massenfaszination macht gleichzeitig ihren eigenen Widerspruch aus: Sunshine Village liegt im Banff National Park, einem dieser eigentlich streng geschützten Naturareale, auf die die Kanadier so stolz sind. Heikel ist die Balance zwischen Tourismus und Naturschutz, zwischen Skilust und Ökologie.

Auch das weltbekannte Skigebiet rund um den Lake Louise liegt im Nationalpark, hoch über dem schlossähnlichen Fairmont Hotel mit seiner beeindruckenden Lobby, in die waghalsige Skifahrer fast hineinwedeln können, nachdem sie vom Whitehorn (2 637 Meter) zu Tal gefahren sind (1 646 Meter). Vor dem Fairmont haben sie einen beieindruckenden Eispalast gefrieren lassen, eine frostige Burg aus Eiskristallen, an deren beleuchteten Wehrtürmen wir entlang spazieren und zu deren frostigen Zinnen wir erschaudernd aufschauen. Kalt ist’s in Alberta.

Von unzähligen kleinen Flussläufen („Creeks“) ist der wald- und gipfelreiche Banff Nationalpark durchzogen. Jenseits der südlichen Grenze des Nationalparks, hinter der umtriebigen Stadt Canmore, hat einer dieser Nebenflüsschen in rund 18 Jahrmillionen den Grotto-Canyon zwischen die Felsen geschleift – und ist im Lauf der Zeit scheinbar trocken gefallen. Aber nur scheinbar. Denn im Winter sickert Wasser zu Tage; dann ist der Boden des Canyon vereist und auf drei Kilometern begehbar, spikebewehrte Schuhe vorausgesetzt.

„How are you going?“, fragen uns wankende Eisgänger die jungen Männer etwas spitz, die sich im Eisklettern üben, dort wo sich gefrorene Wasserfälle bizarr aus dem Kalkstein türmen. Sie hacken sich ins Eis, rutschen ab, um es immer und immer wieder aufs Neue zu versuchen. Vielleicht erging es den Hopi-Ureinwohnern damals ähnlich, als sie sich, wahrscheinlich vor rund 1 300 Jahren, durch den Canyon quälten. Was sie auf dem beschwerlichen Weg bewogen hat, aus dem heutigen Amerika nördlich ins Land aus Eis und Felsen zu kommen, bleibt ein Rätsel.

Auch die handgroßen Felszeichnungen, die sie dort mit Ockerfarben in den Kalkstein rieben, wo der Canyon einen leichten Linksbogen schlägt – sie sagen uns heute nichts über das Woher und Wohin der Hopi. Vielleicht war dies, in der Biege des Canyons, eine Kultstätte der Hopi, vielleicht aber auch nur ein Rastplatz mit Malgelegenheit.

Faszinierend sind die steinalten Bilder allemal, in denen wir einen Flötenspieler erkennen, der seltsame Schreckgestalten zu beschwören scheint. Wir sehen die Umrisse von Wildtieren, umzingelt von Menschengestalten, die mit Pfeilen bewaffnet sind. Es könnten sogar, mit etwas Fantasie, brettartige Gebilde sein, auf denen sich die Hopi durch Schnee und Eis kämpften – ungefähr dort, wo heute die Grenze zwischen dem US-Staat Montana und der kanadischen Provinz Alberta verläuft.

Als vorgeschichtliche Skifahrer gewissermaßen könnten sie damals durch ein wald- und gebirgsreiches Gebiet gestreift sein, das heute als Skigebiet „Castle Mountain“ erschlossen ist. Es liegt südwestlich von Calgary und nördlich des Waterton Nationalparks, den Kanada mit den USA gemeinsam betreibt.

Heute ist das abgelegene „Castle Mountain“, wo der vielleicht puderzuckrigste Pulverschnee in den kanadischen Rocky Mountains auf die Abfahrten fällt, noch ein Geheimtipp für Snowboard- und Extremskifahrer Aber das Skigebiet soll ausgebaut und weiter entwickelt werden, um eines Tages vielleicht 100 000 Skifahrern pro Saison Unterkünfte und Sportmöglichkeiten zu bieten.

Für die 60 000 Fans, die schon heute in einer guten Schneesaison hier her finden, ist es ein einziges Vergnügen, durch den hüfthohen Schnee zu wehen und irgendwann den fast schwerelosen Zustand zu erleben, wo du nur noch sparsame Bewegungen absolvieren musst, den Rest erledigen Schnee und Anziehungskraft.

Wenn die Sonne hinter dem „Castle Mountain“ verschwunden ist, kehren aus dem Weiß Snowboarder und Skifahrer zurück, die fix, fertig und glücklich wie Bergziegen sind. Zeit, um im heimlichen Zentrum des Skigebiets – dem „Pub Grub“ – ein paar ordentliche Biere zu kübeln und vom Schnee in den Rocky Mountains zu erzählen, der sie alle närrisch oder süchtig macht. Aber niemanden kalt lässt.

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