Kanalinsel Jersey
Zwischenwelten

Gott hat bei seiner Schöpfung etwas übersehen: die Zwischenwelt. Stürmische Nächte im „Seymour Tower“ auf der Kanalinsel Jersey könnten wie eine Erfahrung aus dem Anfang aller Zeit sein, wären da nicht Austern und Weißwein.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“

Den Besucher in der Zwischenwelt erfasst eine beinah feiertägliche Stimmung. Wolken verdunkeln die Vollmondnacht, die Landschaft ist auf das Elementare reduziert. Himmel und Erde und Wind. Und Wasser. Überall steht es zwischen den nachtschwarzen Felsen, in der Ferne grollt das Meer, der Ursprung des Lebens.

„Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der Erste Tag.“

Noch ist es längst nicht so weit. Gegen Mitternacht schiebt der Nordostwind die Wolken über den Kanal nach Frankreich. Fahles Mondlicht flutet aus dem Universum und leuchtet die Zwischenwelt gespenstisch aus. Pfützen glitzern mystisch, Felsen erheben sich vor matt beleuchteten Sandbänken und werfen scharfe Mondlichtschatten. Schwarz und Weiß. Und vor dem Mond irisiert ein opalfarbenes, unirdisches Farbspiel. Erst spät schleicht sich der Morgen heran.

„Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.“

Gott hat bei seiner Schöpfung etwas übersehen: die Zwischenwelt. Vor der Südostküste Jerseys ist zweimal pro Tag Genesis. Wenn Sonne, Mond und Erde in der richtigen Position stehen, dann beträgt der Tidenhub elf Meter und mehr. Diese himmlischen Kräfte offenbaren bei extremem Niedrigwasser eine Welt wie nicht von hier. Nicht Meer und auch nicht Land. Dazwischen.

Derek kennt sie, diese Wildnis, und begleitet seine Gäste dorthin. Zweieinhalb Kilometer vor der Küste steht eine alte Feste: „Seymour Tower“. Das mächtige Bauwerk aus dem 18. Jahrhundert trotzt den Gezeiten; mit dem Fernglas ist der dunkle Granitklotz gut zu erkennen. Davor breitet sich eine wirre Welt aus, nur Felsen, Sandbänke, Tümpel, Priele, Schluchten, Tang. Wehe dem, der sich darin verirrt und den Tidenkalender missachtet!

In den Rucksäcken ist das Wichtigste verstaut: Trinkwasser, Schlafsack, Kleidung zum Wechseln, Zahnpasta und -bürste, Kartoffeln, Gemüse, Reis, Rotwein. Und ein großer Schraubenzieher.

Nicht nur eine Wanderung der ganz besonderen Art steht an. Auf „Seymour Tower“ kann übernachtet werden! Die Sonne scheint am späten Vormittag, und der nächste Schauer zieht schon heran, das Wasser ist tief genug abgelaufen, der Weg zum Turm liegt trocken.

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