Kilometerlange Schlangen
LKW-Streik legt Italien lahm

Der ältere Herr im Supermarkt greift sich gleich drei Panettone-Packungen auf einmal aus dem Regal. „Wer weiß, ob Weihnachten noch welche da sind?“ erklärt er seine Gier nach dem weihnachtlichen runden Kuchen. Ganz unrecht hat der Mann nicht. Denn in Italien legt derzeit ein LKW-Streik das gesamte Land lahm und der Landwirtschaftsverband Coldiretti hat bereits gewarnt, dass die Weihnachtsspezialitäten nicht rechtzeitig in die Geschäfte gelangen könnten.

MAILAND. Seit zwei Tagen prägen kilometerlange Schlangen das Bild auf den Autobahnen, die rechte Spur ist oft komplett von stehenden Lastwagen besetzt. Milch, lebende Schweine, Kiwis aus Sizilien und auch Panettone – die Ladung muss warten. Was der Deutschen Bahn in Deutschland nicht gelungen ist, könnte nun in Italien Wirklichkeit werden: der Transport-Supergau. Und das kurz vor Weihnachten. Auch die Tankstellen schlagen Alarm, dass sich die Spritvorräte dem Ende neigen. Fast zwei Drittel der Tankstellen seien bereits leer. Die Autofahrer stürmen die Tanksäulen, um sich die letzten Riserven zu sichern.

Die LKW-Fahrer protestieren vor allem für höhere Tarife. Sie beschweren sich, dass die Tarife auf dem Stand von vor 17 Jahren stehen geblieben sind, während Ölpreise und Autobahngebühren drastisch zugelegt haben. Die LKW-Fahrer fordern auch eine klare Regelung der Arbeitszeiten und Vergünstigungen für Fahrzeuge, die weniger die Umwelt belasten. Sie drohen, noch bis Freitag weiter zu streiken, wenn sich keine Einigung abzeichnet.

Viele LKW-Fahrer verdienen weniger als 1600 Euro im Monat, fahren dafür auch zwölf Stunden am Stück und sind oft 20 Tage hintereinander weg von zuhause. Grund für die miese Bezahlung ist nach Ansicht vieler italienischer Fahrer vor allem die Konkurrenz aus Osteuropa. Die Osteuropäer sind auch für weniger Geld bereit, zu arbeiten und drücken damit die Preise. Viele italienische Unternehmen wiederum nutzen diese Lage aus.

Vertreter der italienischen Fahrer berichten von Spediteuren, die von ihren osteuropäischen Fahrern 100 Euro dafür verlangen, dass sie am Wochenende – wenn der Laster anhalten muss - auf dem Rastplatz in der Kabine im LKW übernachten. Als wäre es eine Pension. Andere schreiben ihren Fahrern Schecks über 2500 Euro und verlangen 1000 Euro zurück. Gerne auch melden Italiens Spediteure ihre LKWs in Ungarn an, um sie in Italien mit osteuropäischen Fahrern einzusetzen.

Kein Wunder, dass in diesen Tagen gerade im Nordosten die Stimmung auf den Straßen besonders angespannt ist. Auf der Autobahn Venedig-Mailand fährt die verhasste Konkurrenz aus dem Osten besonders oft. Männer in orange-farbenen Sicherheitsjacken – selbst LKW-Fahrer – versuchen sich den Fahrern aus dem Osten verständlich zu machen. Sie sollen anhalten, erklären ihnen die Italiener – aus Solidarität. Stehen bleiben. So tun, als hätten sie ein Problem mit ihrem Laster, was auch immer. Hauptsache, nicht weiterfahren. Und wer nicht mitspielt, muss mit Folgen rechnen. Einzelne Streikende sind bereits handgreiflich geworden gegen Ausländer, die nicht mitstreiken wollen. Einige LKWs, wurden mit Schraubenziehern als Streikbrecher gebrandmarkt. Streikbrecher in einem Streik, der ihnen nichts bringt.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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