Literarisch durch Greifswald
„Ich stülpte sie um“

Vor 100 Jahren wurde der Autor Wolfgang Koeppen in Greifswald geboren. Das Verhältnis zu seiner Geburtstadt war Zeit seines Lebens gespannt. Erst wenige Jahre vor seinem Tod machte er seinen Frieden mit ihr. Ein literarischer Stadtspaziergang.

Wie hasste ich die Stadt und wünschte die Schlangen herbei“, schrieb der Autor Wolfgang Koeppen (gest. 1996), der in Greifswald vor 100 Jahren geboren wurde, in seinem autobiografischen Fragment „Jugend“. Ein paar Seiten weiter aber notiert er: „Vielleicht liebte ich die Stadt. Ich stülpte sie um.“

Das Kind Koeppen, unehelicher Sohn einer Theater-Souffleuse und unsteter Schulabbrecher, fühlte sich vom bürgerlichen und wohl anständigen Gestus der Stadt abgewiesen, verkannt, geschnitten. „Sie war nicht ehrbar.“ Erst wenige Jahre vor dem Tod, als Ehrendoktor der Universität und als Ehrenbürger, machte der Schriftsteller seinen Frieden mit Greifswald.

Zehn Jahre nach dem Tod des so begabten wie ewig schreibgehemmten Schriftstellers Koeppen bietet Roland Ulrich eine „Literarische Stadtführung“ durch Greifswald an. Der Spaziergang des promovierten Literaturwissenschaftlers beginnt vor dem mächtigen historischen Rathaus, das in seinem üppig roten Putz gegen den blauen Himmel über der Ostsee wie ein aufgepumptes Schwedenhaus wirkt. Auf dem Marktplatz, den das Rathaus westlich begrenzt, dominieren Billig-Textilien und Kurzwaren. Schnöder Alltagskram – was vom Backfisch mit Kartoffelsalat nicht behauptet werden kann, denn der wird köstlich zubereitet.

Mit etwas Glück gibt’s sogar Live-Musik zum Fisch. Drüben in der Langen Straße intonieren Männer in Kosaken-Uniformen russischen Folklorekitsch so stimmgewaltig wie ergreifend. Die Wolgaweisen wehen bis St. Marien hinüber, der „Dicken Marie“, wie die Greifswalder sagen. Autor Koeppen verglich das gedrungen wirkende Ensemble aus hohem Giebel, gewaltigem Dach und breitem Turm mit einer brütenden Henne, die über den niedrig geduckten Häusern des Stadtkerns gluckt.

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