Londons Kultviertel
Kein Sex mehr in Soho

Einst war Soho berüchtigt wegen seiner Clubs und seiner Party-Kultur. Doch inzwischen ist das Londoner Stadtviertel zum Objekt von Immobilienspekulanten geworden. Dagegen formiert sich nun prominenter Widerstand.
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London„Madame Jojo's“ ist tot. Aber das Dahinscheiden der Londoner Institution ging alles andere als leise vonstatten. Die Schließung des altehrwürdigen Varietés und Nachtclubs hat vielmehr einen Streit zwischen Stadtentwicklern, Bewohnern und Künstlern um die Seele Sohos entfacht – dem Ausgehviertel, Rotlichtbezirk und kreativen Herzen der britischen Hauptstadt.

Mit den wuchernden Immobilienpreisen in London entstehen auch in einst eher zwielichtigen Gegenden reihenweise gläserne Wohntürme und Bürogebäude. Dagegen regt sich Widerstand. Die Gegner, darunter Schauspieler Benedict Cumberbatch („Sherlock“, „12 Years a Slave“), warnen davor, dass Soho das gleiche Schicksal wie dem Times Square in New York widerfahren könnte, der zu einem Touristenviertel ohne Ecken und Kanten geworden sei.

„Ich finde, das ist ein Raub. Ein Raub an den Menschen, die „Madame Jojo's“ besuchen und ein Raub an den Menschen, die dort auftreten“, sagt der Musiker Tim Arnold, der vor dem verschlossenen Eingang des Clubs steht.

Der Singer-Songwriter, der als Soho Hobo auftritt, hat Freunde und Kollegen um sich geschart, neben Cumberbatch und dem Schauspieler und Comedian Stephen Fry auch Roger Daltrey, den Sänger der legendären Band The Who. Ihr Ziel: Die Schließung rückgängig machen.

In Arnolds Ader fließt Soho-Blut. Seine Großmutter trat in verschiedenen Zirkus- und Varieté-Shows auf, seine Mutter war ein „Windmill Girl“ in Sohos erstem Nacktrevue-Club, dem „Windmill Theatre“. Arnold hat über die Jahre viele Musikclubs schließen sehen, aber der Verlust von „Madame Jojo's“ brachte das Fass schließlich zum Überlaufen.

Neben der Art-Deco-Einrichtung machten den Club vor allem seine bunte Auswahl von Musikern zwischen Adam Ant bis Adele, von DJs, Comedians, Burlesk-, Travestie- und Cabaret-Shows zum Kult. „Alle Bereiche der Kultur leben in Soho zusammen“, sagt Arnold. „Madame Jojo's“ sei ein Symbol für diese Vielfältigkeit gewesen. „Es ist ein Mikrokosmos mit all dem, was wir uns von der Welt wünschen.“

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