Manzanares-Renaissance
Riesenprojekt bringt Madrid seinen Fluss zurück

Quer durch Madrid verläuft der Manzanares. Inspiration für Goya, doch oft geschmäht und zuletzt von Autobahnen verdeckt, führte der Fluss lange ein Randdasein. Ein Milliardenprojekt hat nun eine grüne Mitte geschaffen.
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MadridMit der Seine, der Themse oder der Spree konnte der Manzanares in Madrid sich noch nie messen. Dafür führt der Fluss in der spanischen Hauptstadt zu wenig Wasser. Jahrzehntelang war er für die Madrilenen praktisch nicht vorhanden gewesen, denn die Ufer waren größtenteils unzugänglich, weil an beiden Seiten des Flusses eine Stadtautobahn verlief. Den Reiseführern für die Touristen war der Manzanares kaum eine Bemerkung wert.

Nun aber haben die Madrilenen ihren Fluss zurückerhalten. Die Autobahnen wurden in Tunnel unter die Erde verbannt. Wo einst 200.000 Autos am Tag über den Asphalt rasten, laden Promenaden und Grünanlagen zu Spaziergängen ein. Madrid erhielt sogar eine „playa“ (Strand), an der die Hauptstädter ein Sonnenbad nehmen können. Der letzte große Abschnitt der neu geschaffenen Parkanlagen an den Ufern des Manzanares wurde jetzt für das Publikum geöffnet.

Damit wurde eines der größten Bauvorhaben in der Geschichte der Stadt abgeschlossen. Das Madrider Stadtbild hat sich drastisch zum Positiven verändert, aber die Hauptstädter werden noch Jahrzehnte brauchen, um den Schuldenberg abzutragen, den ihnen das Projekt „Madrid Río“ (Madrid Fluss) mit seinen pharaonischen Ausmaßen hinterlassen hat. Die Verlegung von 56 Kilometer Autobahnen und Zufahrtsstraßen unter die Erde kostete 3,7 Milliarden Euro, die Anlegung der Parkanlagen weitere 0,4 Milliarden.

Madrid hat nun auf einer Uferstrecke von knapp acht Kilometer einen grünen Korridor erhalten, der westlich des Zentrums von Norden bis Süden fast durch die ganze Stadt verläuft. Dazu wurden Spazier- und Radwege, Spielplätze und Klettergerüste angelegt, 30.000 Bäume und 470.000 Büsche angepflanzt sowie 33 Brücken restauriert oder neu gebaut. Das unumstrittene Schmuckstück ist eine spiralenförmige Fußgängerbrücke des französischen Stararchitekten Dominque Perrault. Wer sehen möchte, wie es an den Flussufern vorher ausgesehen hatte, muss zum Fußballstadion von Atlético Madrid gehen. Dort kommen die Autos für eine kurze Strecke an die Oberfläche, passieren die Arena unterhalb der Haupttribüne und verschwinden dann wieder im Tunnel.

An den Wochenenden zieht es nun Tausende von Madrilenen an die Ufer des Manzanares, über den spanische Literaten einst bitteren Hohn und Spott ausgeschüttet hatten. Der Barockautor Francisco de Quevedo (1580-1645) nannte ihn einen „Fluss-Lehrling“. Der Dichter Luis de Góngora (1561-1627) stellte dem Fluss in einem Sonett die Frage: „Wieso hast Du abgenommen und bist dann wieder angeschwollen? Warum sah ich dich gestern in Not und sehe dich heute in solcher Pracht?“ Vom Fluss erhält er die Antwort: „Gestern trank ein Esel mich leer, und heute hat er mich wieder voll gepinkelt.“

Dabei hatte der Manzanares mit seinen Uferwiesen und dem Blick auf die Stadt einst Künstler wie den großen Maler Francisco de Goya (1746-1828) zu Gemälden inspiriert. Heute können die Madrilenen - wie damals Goya - wieder am Flussufer entlangschlendern und zur Altstadt und zum Königspalast emporblicken. „Vielleicht werden nun auch die Poeten, die künftig den Manzanares besingen werden, mit dem Fluss wohlwollender umgehen“, wünscht sich die Zeitung „El País“.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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