Maßmode aus dem Netz
Der schnelle Klick zum individuellen Hemd

Im Internet tummeln sich zahlreiche Anbieter von Maßmode. Per Mausklick und Maßband soll alles ganz einfach sein. Doch der Teufel steckt oftmals im Detail - zum Beispiel den intransparenten Produktionsbedingungen.
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DüsseldorfMüsli, Parfüm, Schokolade – es gibt mittlerweile kein Produkt mehr, das nicht im Internet den eigenen Bedürfnissen angepasst werden kann. So auch in der Mode. Maßmode aus dem Internet erfreut sich großer Beliebtheit und bietet von Anzügen über Hemden bis hin zu Krawatten individuelle Modelle nach Maß. Zeitersparnis, unschlagbare Preise und kurze Lieferzeiten sind aussagekräftige Argumente, die für Maßanfertigungen aus dem Netz sprechen. Man sollte sich jedoch nicht von günstigen Preisen und Werbeversprechen täuschen lassen.

YouTailor.de ist nach eigenen Angaben der führende Online-Shop für Maßbekleidung und individuell gefertigte Mode im deutschsprachigen Raum. Neben Anzügen bietet das Unternehmen auch Hemden, Blusen und Sakkos, die nach eigenen Maßen bestellt werden können. Gestickte Monogramme sollen den Anzug persönlich machen, weitere Anpassungsmöglichkeiten wie die Farbe des Futters oder die Form der Taschen sind nicht möglich.

Die Produktion der Maßanzüge von YouTailor erfolgt wie bei vielen Anbietern von Maßmode an günstigen Produktionsstandorten in Thailand und China. Nur sie ermöglichen Endpreise von rund 300 Euro für einen Anzug und 40 Euro für ein Hemd. „Wir distanzieren uns zu 100 Prozent von jeglicher Kinderarbeit und unwürdigen Arbeitsbedingungen“, sagt YouTailor Geschäftsführer Michael Urban. Eigene Mitarbeiter vor Ort prüfen die Arbeitsbedingungen und sollen dafür sorgen, dass die internationalen Fair Trade-Prinzipien eingehalten werden.

Längst nicht jeder Anbieter von Maßmode im Internet kommuniziert die Produktionsbedingungen so offen wie YouTailor. Man sollte sich deshalb im Vorfeld informieren, wo und unter welchen Bedingungen die Maßkleidung gefertigt wird.

Bestellungen von Maßmode im Internet nehmen zwar zu, stellen aber keine ernst zu nehmende Konkurrenz für klassische Herrenschneider wie Jürgen Ern dar. Er fertigt seit 50 Jahren in seinem Atelier auf der Düsseldorfer Königsallee Maßanzüge und kann mit Maßmode aus dem Internet so gar nichts anfangen. „Für mich ist das keine Maßmode, sondern Maßkonfektion“, sagt er. „Auch wenn die Anbieter mit 'Maßmode' werben, werden die Stücke nur bei den Körpermaßen an den Kunden angepasst.“ Einen klassischen Maßanzug können die Konfektionäre aus dem Internet seiner Meinung nach nicht ersetzen. Auch beim Service können sie nicht mit einem Herrenschneider mithalten.

Gerade bei der Beratung tun sich viele Onlineanbieter von Maßmode schwer. Während einige Serviceleistungen wie Kostenübernahme von Änderungen bei einem örtlichen Schneider erstattet werden und Mitarbeiter zum richtigen Maßnehmen nach Hause kommen, wird der Kunde auf vielen Seiten seinem Schicksal überlassen. Auch die Stoffqualitäten lassen sich auf den Fotos nur erahnen und können sich in Realität von der hochgelobten Qualität im Internet extrem unterscheiden. Es empfiehlt sich, vor dem Kauf nach Kundenrezensionen im Internet zu suchen und Serviceangebote wie kostenloses Vermessen zu nutzen. Nur so kann man sich sicher sein, dass das maßgeschneiderte Stück auch passt.

Maßmode aus dem Internet wird trotz alledem auch in Zukunft beliebt bleiben, meint Urban. „Allgemein gesprochen, verkaufen wir ein einige hunderttausend Produkte im Jahr. Anzüge sind dabei ein wesentlicher Bestandteil des Geschäfts“, sagt er. Er ist sich sicher, dass der Trend „Mass Customization“ im Internet seinen Höhepunkt noch nicht erreicht hat. „Neue Technologien im Internet sowie die zunehmende Bereitschaft der Kunden zum Online-Shopping begünstigen natürlich den Ausbau von Customization, auch im Modebereich“, sagt er. Das Internet biete Unmengen Möglichkeiten, die es in Zukunft zu nutzen gilt.

Annika Reinert
Marie Mertens
/ Freie Modejournalistin

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