Mikronationen
Der Trend geht zum Zweitland

Willkommen in Liberland: Ein Tscheche hat einen Staat gegründet und sich selbst zum Präsidenten wählen lassen. Weltweit gibt es unzählige Mikroländer, die aber nicht völkerrechtlich anerkannt sind – auch in Deutschland.
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EssenSie sind klein und ziemlich seltsame Gebilde, die von ziemlich seltsamen Leuten gegründet wurden. Ernst nimmt sie niemand – aber sie sehen toll aus: Willkommen im Kosmos der Mikronationen. Oft bestehen diese Pseudoländer aus nicht mehr als einer Ranch, einem Haus oder einem Hof. Diese Zwergstaaten sind zwar völkerrechtlich nicht anerkannt, dennoch werden sie immer mehr.

Jüngst gründete der tschechische Euroskeptiker Vit Jedlička seinen eigenen Staat namens „Liberland“ an der Grenze zwischen Kroatien und Serbien. Direkt nach der Staatsgründung ließ er sich zum Präsidenten wählen. Gornja Siga, wie der Ort zuvor offiziell hieß, war bis zu Jedličkas Machtübernahme Niemandsland. Bis dahin vergessen von der Welt, umfasst das Gebiet am serbischen Westufer der Donau rund sieben Quadratkilometer.

Nun will Jedlička Interessierte einbürgern, Pässe drucken und Münzen prägen. Das Beispiel zeigt: Mikrostaaten sind oft nicht mehr als ein politischer Protest gegen herrschende Zustände. Getreu dem Motto: Keine Lust mehr auf Steuern oder die nervigen Regeln der Straßenverkehrsordnung, dann gründe ich eben meinen eigenen Staat.

Jedlička schwimmt politisch übrigens ganz auf der Welle der US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung. Der gescheiterte Politiker steht ein für einen möglichst schlanken Staat und die Unantastbarkeit des Eigentums. Praktisch, dass der Staat nun ihm gehört. Dass er Zuwanderung in „Liberland“ rigoros beschränken will, passt da nur ins Bild.

Dennoch sollen sich bereits mehr als 300.000 Menschen um einen liberländischen Pass beworben haben, sagt Jedlička. Dumm nur, dass Mikrostaaten nicht mehr sind, als eine besonders skurrile Idee einiger Größenwahnsinniger. Denn ihnen fehlt etwas Grundsätzliches: demokratische Legitimität. Das Völkerrecht schließt die Gründung eines Staates im Alleingang aus. Allein der Besitz eines Territoriums reicht nicht für eine Staatsgründung aus.

„Liberland“ gibt es also offiziell gar nicht. Jedličkas Staat ist nur ein weiteres Mosaikteilchen im Kuriositäten-Kabinett der Staatengemeinschaft. Schließlich gilt einzig und allein die Anerkennung nach dem Völkerrecht als Legitimation für eine Staatsgründung. Doch anerkannt wurde „Liberland“ bislang von keinem souveränen Staat.

Jedličkas Protest-Projekt ist kein Einzelfall: Scheinstaaten mit einem eigenen Staatsgebiet, eigener Staatsflagge und pseudo-offiziellen Pässen gibt es überall auf der Welt – und sie sind beliebt wie nie zuvor. Fantasiestaaten bevölkern die Landkarten. Vielerorts gilt: „Mein Haus, mein Auto, mein Staat“.
In der Bundesrepublik ist das „Königreich Deutschland“ im sachsen-anhaltinischen Wittenberg das wohl bekannteste Zwergland. Gegründet vom Esoteriker und Polit-Aktivisten Peter Fitzek ist das acht Hektar große ehemalige Krankenhaus-Gelände seit September 2012 ein selbsternanntes Land. Der Ministaat spiegelt den Größenwahn seines Gründers wider: Fitzek ließ sich zum „Imperator Fiduziar“ krönen. Eines seiner Bonmots lautet: „Ich mache keinen Spaß, ich mache Staat“.

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