Millionenkosten
Italien-Verkehr rollt nur noch über Umwege

Nach neuen Steinschlägen bleibt die wichtigste Nord-Süd-Verbindung über die Alpen, die Gotthardroute, mindestens für die nächsten drei Wochen gesperrt. Dadurch wird nicht nur der einsetzende Urlaubsreiseverkehr behindert, auch die Spediteure stehen vor einem Problem.

ZÜRICH. Sie müssen Umwege und damit höhere Kosten in Kauf nehmen. Bisher durchqueren bis zu 3 500 Lastwagen pro Tag den Tunnel. Wenn nur ein Teil von ihnen weiträumig über die österreichische Brennerroute ausweicht, entstehen den Schweizern Einnahmeausfälle aus der LKW-Maut in Millionenhöhe. Auch die Kosten für die Befestigung der Hänge entlang der Gotthard-Route dürften siebenstellige Summen erreichen.

Die Nord-Süd-Achse war nach einem Felssturz vor knapp einer Woche, bei dem das Auto eines deutschen Ehepaars zerquetscht wurde, gesperrt worden. Am vergangenen Samstag war erneut ein Felsblock abgerutscht und kurz vor der Autobahn liegen geblieben. Die Polizei sperrte daraufhin wieder Autobahn und benachbarte Bundesstraße. Seither laufen die Vorbereitungen für Sprengungen entlang der Hänge. Außerdem werden Sensoren am Hang verteilt, die bei größeren Bewegungen am Berg Alarm schlagen. Nach der Sprengung soll ein Schutzwall innerhalb von fünf Monaten gebaut werden. Geologen sprechen von fünf bis acht Meter breiten und hohen Betonblöcken, die entlang der Route errichtet werden müssen. „Im äußersten Fall bringt aber nur das Ausweichen in Tunnel oder der Bau einer massiven Steinschlaggalerie etwas“, sagte der Zuger Geologe Franz Keller, der eine Gefahrenkarte für die Gotthardroute erstellt hat, der in Zürich erscheinenden „Sonntags-Zeitung“.

Für die internationalen Spediteure verschärfen sich damit die Probleme auf der Nord-Süd-Route. Sie klagen seit Jahren über lange Wartezeiten am Gotthardtunnel, den Lastwagen nur mit großen Abständen passieren dürfen. Andere Alpenpässe seien wegen schneebedeckter Fahrbahnen schwer befahrbar und als Ausweichrouten schlecht zu nutzen, hieß es am Montag. Die Strecke über den San Bernardino ist bereits überlastet und mit ihren engen Kurven für den Schwerverkehr nur unzureichend ausgebaut.

Die Sperrung dürfte die Diskussion um eine stärkere Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene anheizen. Mittelfristig, so heißt von Mailänder Verkehrswissenschaftlern, führe kein Weg daran vorbei, Güterverkehr auf die Schiene zu bringen. Anhänger sollen Huckepack auf Waggons gesetzt und später von Lastwagen abgeholt werden. Die Schweizer verladen bereits 70 Prozent ihres Güterverkehrs auf die Schiene. Doch für Italien und Deutschland sind die Verkehrswissenschaftler skeptisch: Die Quote beim Alpenverkehr – ein Drittel Schiene, zwei Drittel Straße – werde sich nicht stark ändern. Noch sei die Bahn mit 20 Prozent höheren Kosten und einer langsameren Zustellung gegenüber den Brummis im Nachteil.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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