Mittelpunkt der EU
Wo sich Europas Linien kreuzen

Der geographische Mittelpunkt der Europäischen Union ist in eine typisch deutsche Hügellandschaft eingebettet – unweit von Eidengesäß, Linsengericht und der Reichsstadt. Eine Reise dort hin ist zugleich eine Riese durch die Zeitgeschichte.

Bei 50ll 10' 21“ nördlicher Breite, 9ll 9' 0“ östlicher Länge geht’s nur begrenzt gesamteuropäisch zu. Zwei leer getrunkene Plastikflaschen „Karlskrone-Pilsener“ liegen neben einer blau gestrichenen Parkbank. Die Flaschen kommen aus der Brauerei Martens im belgischen Bocholt, leer getrunken und achtlos weggeworfen von augenscheinlich hessischen Halbwüchsigen, die kichernd in Richtung Niedermittlau verschwinden.

Abgesehen also von den belgischen Pfandflaschen, ist der geographische Mittelpunkt der Europäischen Union (EU) in eine typisch deutsche Hügellandschaft eingebettet. Eine milde, fast klassisch deutsche Landschaft breitet sich vor dem Besucher aus, als hätte sie entweder Heino oder Eichendorff besungen, vielleicht sogar beide. Am Rande eines kleinen Getreidefeldes ist Europas Mitte und unweit eines Ackers, den Vogelschützer mit Hecken- und Weidenschnitt gesäumt haben, damit Vögel nisten können. Ein paar Kilometer westlich streifen wir durch Ortschaften mit so kerndeutschen Namen wie Linsengericht oder Eidengesäß. Das Flüsschen Kinzig mäandriert etwas nördlich durch Auen und Weiden, die Kirchen und Mehrstockhäuser der 20 000-Einwohner-Stadt Gelnhausen ragen in Sichtweite. Kleine Schlösser und verfallenes Burggemäuer sind nicht fern, etwa im Gelnhausener Stadtteil Meerholz.

Durch ein Mischwäldchen aus Fichten, Kiefern und Buchen gelangt man hierher in Europas Mitte auf Forstwegen, an deren Rändern allerlei Lehrtafeln von Waldgetier erzählen, das freilich tagsüber kaum auszumachen ist. Eine Waldmaus huscht durch trockenes Laub; in der Nähe klopft ein Specht in einem Gleichmaß, nach dem man die Atomuhr stellen könnte.

Ein Hauch von Waldmeister liegt über dem Mittelpunkt Europas, den das französische „Institut Géographique National“ hier verortete, nachdem Anfang des Jahres Bulgarien und Rumänien in die EU aufgenommen worden waren. Noch zwei, drei Jahre darf sich die Gemarkung, die zu Gelnhausen-Meerholz gehört, im Ruhm sonnen, die geographische Mitte des politischen Europas zu sein. Dann wird wohl Kroatien beitreten und die französischen Geographen müssen ein neues Zentrum auszirkeln. Bis es so weit ist, werden Jogger weiterhin an der Bank vorbeihecheln, auf der in etwas bemühtem Witz „Europäische Zentral-Ruhe-Bank“ in Gelb auf Blau steht. Von hier aus können wir den Rauhenberg umrunden, zu dessen Füßen es angeblich Hügelgräber geben soll, aber wir finden nur die gesprengten Reste eines Weltkrieg-II-Bunkers. Hier in der Nähe soll es einen Fliegerhorst nebst Munitionsdepot gegeben haben. Erhaltene Unterstände sind längst Rückzugsräume von Fledermäusen geworden, auf die örtliche Naturschützer ein wachsames Auge haben.

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