Neuer Geschwindigkeitsrekord
TGV – der teure Jet auf Schienen

Mitten durch Frankreichs liebliche Champagne rast am Mittag ein Zug – doch es ist kein gewöhnlicher Zug. Mit dem TGV V 150 haben die Franzosen ihren neuen Geschwindigkeitsrekord für schienengebundene Fahrzeuge aufgestellt. Damit wollen sie die konkurrierenden Schnellzüge aus Deutschland und Japan in ihre Schranken weisen.

PARISS/STRASSBURG. Unglaublich: Die Geschwindigkeitsanzeige zeigt 560 km/h. Der Versuchszug schwankt, stampft und schlingert wie ein Schiff in schwerer See. In einer leichten Kurve zerren Fliehkräfte am Passagier. An der Oberleitung, von einer Kamera in den TGV-Doppelstockwagen auf einem Monitor eingeblendet, entfacht der Stromabnehmer Blitze am laufenden Band. Doch der Lokführer, der kurz darauf ins Monitorbild kommt, wirkt immer noch ganz entspannt.

Und so geht die wilde Jagd weiter: 570, 572, 574, dann für Bruchteile von Sekunden 574,8! Applaus brandet auf. Das ist der – der neue Weltrekord für Schienenfahrzeuge, erreicht gestern Mittag in Frankreichs lieblicher Champagne auf der neuen TGV-Strecke in Ostfrankreich, die Paris mit TGV und ICE bald mit halbierten Reisezeiten näher an Deutschland heranbringt. Der Lokführer strahlt, hebt den Daumen siegesgewiss. Und im Messwagen des Versuchszuges herrscht eine Stimmung wie im Kontrollzentrum in Houston, als der erste Mensch auf dem Mond losmarschierte.

V 150 haben die Franzosen ihren Testzug genannt – weil er bei Tempo 540 exakt 150 Meter pro Sekunde zurücklegt, bei 574,8 km/h also noch mehr. Es ist geballte Kraft, die die 106 Meter lange, 268 Tonnen schwere Versuchseinheit auf Weltrekord-Touren gebracht hat: 25 000 PS, doppelt so viel wie ein fahrplanmäßiger TGV. Stolz resümiert Konstrukteur Alstom: „Das ist fast zweimal so viel Leistung, wie sie am Start eines Formel 1-Rennens von allen Rennwagen zusammen erbracht wird.“ Und das in einer Konstellation, die nicht eben alltagstauglich ist: Zwei schwere Triebköpfe sind die eigentlichen Lokomotiven des Rekordhalters, zudem sind auch noch die Achsen der drei Doppelstock-Mittelwagen mit einem eigenen starken Antrieb ausgerüstet.

Möglich wurde die Super-Fahrt, die noch um mehr als 100 km/h schneller war als die der Magnetbahn Transrapid im Fahrplan-Betrieb in Shanghai, nur durch aufwändige Umbauten am Zug und auch an der Strecke. So rollt der jüngste Stolz Frankreichs auf größeren Rädern als TGV-üblich. Mit spezieller Stromlinienverkleidung wurde der Luftwiderstand gesenkt. Die Schienen wurden geschliffen, die Stromzufuhr verstärkt, alle Weichen auf der Rekordstrecke festgestellt. Der Aufwand hat seinen stolzen Preis: Rund 30 Millionen Euro gaben Alstom, die französische Staatsbahn SNCF und der Netzbetreiber RFF für den Ruhm des Weltmeistertitels aus. Der absolute Rekord für die schnellste Bahnfahrt auf Erden blieb dagegen unerreicht: Die Magnetschwebebahn Maglev raste 2003 mit 581 Kmh durch Japan.

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