Paris
Taxi verzweifelt gesucht

Nur rund 16 000 Taxis sind in Frankreichs Hauptstadt unterwegs, in der sich mit Besuchern und Pendlern tagsüber gut zehn Millionen Menschen aufhalten. Die Nachfrage ist groß, doch ein Kartell verknappt das Angebot.

PARIS. Die Auskunft an der Touristeninformation im Pariser Nordbahnhof stimmt den Reisenden aus Deutschland gar nicht hoffnungsfroh: „Wenn sie nachts ankommen, kann es schwierig werden“, gibt der junge Mann hinter der Glasscheibe freimütig zu. „Nach Mitternacht gibt es kaum noch Wagen hier.“

Taxi verzweifelt gesucht – dieser Hilferuf ist in der französischen Hauptstadt nicht nur nachts zu hören. Auch tagsüber bilden sich an Flughäfen und Bahnhöfen regelmäßig lange Schlangen an den Taxiständen. Und wer in den Stoßzeiten bei der Taxizentrale „G7“ anruft, wird immer öfter abgewiesen. Bienvenue in der Metropole Paris!

Nur 15 600 Taxis sind in der Stadt mit 2,2 Millionen Einwohnern zugelassen, die inklusive Zugereisten und Berufspendlern tagsüber auf mindestens zehn Millionen Menschen anschwillt. Seit 1967 ist die Zahl der Taxen gerade mal um 8,4 Prozent gestiegen, die Zahl der Einwohner explodierte im selben Zeitraum um ein Vielfaches. Der eklatante Droschkenmangel ist mittlerweile Stadtgespräch – doch die zuständige Polizeipräfektur unternimmt nichts dagegen. In diesem Jahr vergab sie lediglich 300 neue Taxilizenzen.

Während Geschäftsreisende, Touristen und Einheimische sich ärgern, reiben sich die Taxifahrer die Hände. Denn weil Lizenzen so knapp sind, steigt ihr Preis rapide. Angeblich kann ein Fahrer dafür mittlerweile bis zu 180 000 Euro kassieren, wenn er sein Geschäft aufgibt – ein Drittel mehr als 2001.

Die Stadtverwaltung aber zögert, sich mit den mächtigen Taxigewerkschaften anzulegen. Die Befürchtung: Die Chauffeure könnten geschlossen die Arbeit verweigern und das womöglich auch noch während eines Streiks im öffentlichen Nahverkehr, die in der Hauptstadt immer wieder vorkommen. „Der Berufsstand hat erhebliche Druckmittel in der Hand“, heißt es in der Polizeipräfektur. „Ihre Blockademöglichkeiten sind beträchtlich“, räumte der für Verkehrspolitik zuständige stellvertretende grüne Bürgermeister Denis Baupin unlängst ein.

Weil die Politiker Angst haben, kann die Droschkenbranche in Paris machen, was ihr beliebt. So weigerte sie sich, dem Fuhrpark eine einheitliche Farbe und Karosserie zu geben, was in anderen Hauptstädten längst üblich ist. Die Stadtverwaltung scheiterte auch mit ihrem Versuch, bessere Signallampen auf den Wagen vorzuschreiben. Ob ein Taxi frei oder besetzt ist, kann der Kunde in Paris weiterhin kaum erkennen. Rollstuhlfahrer oder Mütter mit Kinderwagen haben es in Paris besonders schwer auf der Suche nach einem Taxi. Und Nichtraucher müssen sich die Nase zuhalten, denn nicht wenige Wagen riechen penetrant nach Zigarettenqualm.

Bei Ausländern hinterlässt dieser Empfang in der französischen Hauptstadt nicht unbedingt den besten Eindruck, was der bekannte französische Kolumnist Yves de Kerdrel denn auch in einem fiktiven Brief eines chinesischen Touristen zum Ausdruck brachte. „Was für ein merkwürdiges Land“, heißt es da, „wo man alles dafür zu tun scheint, um Leute am Arbeiten zu hindern.“

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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