Pauschalreise hat Bestand
Tourismus steht auf wackligen Beinen

Arbeitslosigkeit und Zukunftsängste verderben den Deutschen die Lust auf das Reisen. Die Tourismus-Branche sieht in diesem Jahr zwar eine Trendwende erreicht, doch die Reiselust steht weiterhin auf wackeligen Beinen.

HB FRANFURT. Das Auf und Ab bei der Ferienplanung der Deutschen kennt Reisebüro-Inhaberin Marianne Heczko aus Rüsselsheim jetzt ganz genau. „Es war eine Lähmung über der Stadt, da war gar nichts mehr“, beschreibt sie die ersten Wochen nach der Ankündigung einer massiven Stellenstreichung bei Opel. Die 55-Jährige hat ihr Reisebüro direkt am Werkseingang des Autoherstellers, 70 Prozent ihrer Kunden hängen vom Wohlergehen der Firma ab. „Die Leute sind einfach nicht mehr gekommen.“

Zwar sieht die Tourismus-Branche in diesem Jahr eine Trendwende erreicht, doch die Reiselust steht weiterhin auf wackeligen Beinen. Nach deutlichen Rückgängen in den beiden Vorjahren wird dieses Jahr erstmals wieder ein Plus von 5 bis 6 Prozent erreicht, wie der Deutsche Reisebüro und Reiseveranstalter Verband (DRV) ermittelte. Kommendes Jahr soll es ein ähnliches Wachstum geben. Allerdings: „Die Zahlen des Jahres 2000 sind bei weitem noch nicht wieder erreicht“,

sagt DRV-Präsident Klaus Laepple.

Dabei gab in diesem Jahr in einigen Bereichen durchaus deutlichen Auftrieb. Der Städtetourismus boomt - nicht zuletzt durch das breite Angebot an Billigflügen ins europäische Ausland. Aber auch ein Besuch deutscher Städte wird immer beliebter. „Allen voran erfreut sich die Bundeshauptstadt wachsender Beliebtheit“, berichtet die Deutsche Zentrale für Tourismus. In den ersten acht Monaten 2004 stieg die Zahl der Übernachtungen von Inländern in Berlin um 13,7 Prozent. Auch Fernziele wie etwa die USA oder die Karibik verzeichnen derzeit einen deutlichen Anstieg; zumal der niedrige US-Dollar den Urlaub auf anderen Kontinente jetzt deutlich preiswerter macht - und das sogar trotz des hohen Kerosinpreises.

Die vor einem Jahr noch heftig geführte Diskussion in der Branche um die Zukunft der Pauschalreise scheint sich inzwischen entschieden zu haben: Die Pauschalreise hat Bestand - aber sie ist nicht mehr das, was sie einst war. Flexible Kombinationen statt starre Angebote bieten heute inzwischen fast alle Veranstalter. Selbst für das klassische Pauschalreiseziel Mallorca gibt es inzwischen Bausteinprogramme. Und der Trend zu den immer kurzfristigeren Buchungen ist dieses Jahr durch Frühbucher-Rabatte und Kapazitätsreduzierungen zumindest vorläufig gestoppt - zumal der ein oder andere in diesem Jahr vergeblich auf ein Last-Minute-Schnäppchen für sein Traumziel gewartet haben dürfte.

Trotzdem stehen Branchenriesen wie Tui oder die in tiefrote Zahlen geratene Thomas Cook unter Kostendruck und vor Herausforderungen. Da das Internet den Reisenden die individuelle Planung des Urlaubs immer einfacher macht, muss die Reise vom Veranstalter einen deutlichen Vorteil bieten. Branchenführer Tui hat in diesem Jahr zum Beispiel in einigen Regionen begonnen, den Kunden ein Check-In direkt im Hotel anzubieten. Stundenlanges Warten im Flughafen-Terminal soll damit der Vergangenheit angehören. Hotelbewertungen durch die Gäste selbst sind ein ähnlicher Schritt, die Bedürfnisse der Kunden mehr in das Zentrum zu stellen. Und die Reisebüros versuchen immer stärker, selbst beim Internet-Angebot mitzumischen.

Eine ganz andere Entwicklung - parallel zu dem anhaltenden Wellness-Boom - dürfte in den kommenden Jahren Bedeutung gewinnen: Spezielle Angebote für Rentner. Schließlich gilt dieses Segment auch in stürmischen Konjunkturzeiten als Krisenfest, weiß auch das Reisebüro am Opel-Werkstor in Rüsselsheim. „Hier gibt es noch viele Opel-Frührentner, die sind nicht betroffen“, sagt Reisebüro- Eigentümerin Heczko. Und deren Einkommen sind im Gegensatz zu denen der Arbeiter am Band ziemlich sicher.

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