Prag
Die Verwandlung

Franz Kafka wäre in diesem Jahr 125 Jahre alt geworden. Seine Beziehung zu Prag war in höchstem Maße ambivalent, eine wahre Hassliebe. Doch während Kafka und die Prager Literaten ihre Zeit bei einem gemütlichen Plausch in Kaffeehäusern totschlugen, gehen die heutigen Bohemiens in Bars und Genusstempel. Die Entwicklung zu einer weltoffenen Metropole.

HB. Wir wissen nicht, wie Franz Kafka heute, kurz vor seinem 125. Geburtstag im Juli, Prag gefallen würde. Schließlich war das Verhältnis zu seiner Heimatstadt eine echte Hassliebe. "Dieses Mütterchen hat Krallen", so soll es der große Schriftsteller einmal beschrieben haben. Trotzdem kam Kafka zeit seines kurzen Lebens, er starb bereits mit 41 Jahren, nicht von der Moldau-Stadt los.

Immerhin, nachdem er während der Ära des Kommunismus eher totgeschwiegen wurde, stößt man bei einem Bummel durch die Altstadt inzwischen überall wieder auf Kafkas Spuren, auf Gedenktafeln und Büsten, auf Kafka-Shops und Kafka-Buchhandlungen, auf sein Geburtshaus und sein Grab - Gruft Nr. 33, Reihe 14, Feld 21 - auf dem neuen jüdischen Friedhof. Selbst eines der berühmten Kaffeehäuser, in denen der Schriftsteller wie auch Albert Einstein einst seinen Kaffee trank, das Café Louvre, existiert noch - samt Billard-Salon und neuer Galerie mit französischer Kunst. Was man dort so trieb, beschrieb Kafkas damalige, kurzzeitige Geliebte, die Journalistin Milena Jesenská, so: "Im Kaffeehaus wird geweint und über das Leben und auf das Leben geschimpft. Im Kaffeehaus isst man auf Pump, im Kaffeehaus wird gelebt, gefaulenzt, die Zeit totgeschlagen".

Die heutigen Celebrities und Bohemiens lassen es sich im Hier und Jetzt in schick designten Bars und Genusstempeln wie dem Restaurant Barock gutgehen, goutieren dort gern die Sushi-Bar oder geben sich einer mehrgängigen Degustation Bohême Bourgeoise im gleichnamigen Restaurant hin - einer spannenden Kombination aus feiner böhmischer und experimenteller Molekular-Küche. Denn achtzehn Jahre nach der samtenen Revolution hat sich die Moldau-Metropole von der grauen Stadtmaus zu einem fast schon glitzernden Trend-Ziel entwickelt. Nicht zuletzt weil viele Amerikaner sagen: "We love it!"

Die passende Staffage für die Prager Tage und Nächte holt man sich im neu eröffneten Palladium, Prags Shopping-Mall schlechthin, dessen Food-Floor sich nicht nur zum kulinarischen Treffpunkt entwickelt. Wohlbetuchte Shopper finden allerdings in Prags Luxus-Straße, der Parizska, noch eine Steigerung - sofern Frau nicht elegante, einheimische Designerinnen wie Klara Nademlynska vorzieht. Deren schicke Styles passen in Prag vielerorts. Nicht jedoch, wenn es um eines der grundehrlichsten Produkte der tschechischen Hauptstadt geht: Pivo, zu Deutsch Bier. Staropramen ist der bekannteste Brauer der Hauptstadt, doch noch fassfrischer zischt es nur 400 Meter vom Wenzelsplatz entfernt im urigen Neustädter Brauhaus oder Novomìstský pivovar, wie es auf Tschechisch heißt. Beim hellen, nicht gefilterten Neustädter Hefelagerbier und Klassikern wie Kuttelflecksuppe zu den Klängen des fröhlichen Harmonikaspielers František bleiben die Designer-Klamotten zu Hause - man gibt sich rustikal.

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