Quadrate-Stadt feiert Geburtstag
Lecker wie Mannemer Dreck

Mannheim gilt nicht gerade als Schönheit. Zu Unrecht. Wer hinschaut, entdeckt viel in der Quadrate-Stadt, die kommendes Jahr ihren 400. Geburtstag feiert.

MANNHEIM. Wer sich von Norden, per Bahn kommend, dieser Stadt nähert, fühlt sich sogleich in seinem Vorurteil bestätigt: Fabriken und Werkshallen links und rechts, Graffiti-übersäte Vorortbahnhöfe, der Binnenhafen und ein riesiger Chemiekomplex auf der anderen Flussseite. Mannheim – eine graue Industriestadt.

Doch ehe der Zug zum Stehen kommt, ist schon eine große Kirchenkuppel aufgetaucht, dann ein Schloss, dessen gewaltige Dimensionen ein völlig neues Szenenbild beherrschen: Mannheim, die Haupt- und Residenzstadt eines Barockreiches. Mit höfischem Glanz, Ort der Musen und der Wissenschaft. Es ist die Stadt, deren „heitere Ordnung“ Goethe begeisterte und die von Wolfgang Amadeus Mozart innig geliebt wurde. Sie ist zugleich die spätere „Fabrik Badens“, in der Carl Benz das erste Automobil der Welt baute und Heinrich Lanz den ersten Traktor.

Sich mit dieser Stadt vertraut zu machen, gar anzufreunden braucht seine Zeit. Mannheim ist eine Stadt aus der Retorte, planmäßig an der Landspitze zwischen Rhein und Neckar angelegt. Das Schloss, breit der Stadt vorgelagert, ist Bezugspunkt einer strengen, rechtwinkligen Bebauung. Namenlose Straßen gliedern die Innenstadt in Quadrate, die durchgezählt werden: Von A1 gleich am Schloss bis U6 unweit der Neckarbrücke.

Umschlossen wird die alte Stadt von einem hufeisenförmigen Straßenring, den einstigen Festungswällen. Zur Vogelschau eignet sich vorzüglich der Turm über dem Stadthaus in N1. Die bläulich schimmernden Berge von Pfälzer Wald und Odenwald begrenzen die Ebene, durch die sich das silberne Flussband des Rheins zieht.

Heidelberg rückt ins Blickfeld, das römische Ladenburg, Schwetzingen mit seinem unvergleichlichen Schlosspark. Und gegenüber auf der anderen Rheinseite die ehemalige Mannheimer Schanzen-Vorstadt Ludwigshafen mit ihrem BASF-Industriereich. „Hier am feierlichsten Fluss Deutschlands, mitten zwischen Speyer und Worms, mitten im Nibelungenlied gleichsam“ treffen sich nach der Charakterisierung des Philosophen Ernst Bloch die „Wirklichkeiten und Ideale des Industriezeitalters“ – das größte Schloss und die größte Fabrik Deutschlands. Es ist eine alte Kulturlandschaft und zugleich das siebtgrößte Ballungsgebiet der Bundesrepublik mit einer Bevölkerung von rund 1,2 Millionen in der Region. Mittendrin Mannheim – aber politisch am Rand Baden-Württembergs. Mit schrumpfender Industrie und dem steten Gefühl, von der Landesregierung in Stuttgart und von Konzernzentralen in der ganzen Welt zu wenig beachtet zu werden.

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