Reims veranstaltet Ausstellungen, Symposien und Zeremonien
Reisetipp: Wo der Krieg zu Ende ging

Spaziergänge durch Reims und Berlin-Karlshorst, wo vor 60 Jahren die Kapitulation Hitlerdeutschlands besiegelt wurde.

Auf der tiefgrünen Parkbank am Square Colbert, geradezu umzingelt von Narzissen und purpurroten Tulpen, liegt der überraschend gut gekleidete Alte im Alkoholkoma, die Beine weit von sich gestreckt. Reims im Frühling. Die Hände hat er über dem Hosenbund gefaltet, der dicke Alte. Weder lässt er sich von kichernden Teenagern beeindrucken noch vom Lärm der Kirmesbuden vor der "Place de la République" in Reims.

Hinter dem kleinen Park beginnt die längste Fußgängerstraße der Stadt und eine wundersame Autoausstellung mit allerlei Kuriositäten. Der klassisch-himmelblaue Trabant ist heute die Attraktion der Champagner-Metropole, den weder alte Renaults noch komische US-Schlitten ausstechen können. Hoch über dem realsozialistischen Traumwagen Trabbi flattert ein Sowjetfähnchen in der linden Luft. Was den Anblick einen Drehmoment lang noch bizarrer macht, aber historisch durchaus korrekt ist.

Denn Reims bereitet sich auf drei Festtage vor (am 6., 7. und 8. Mai), während derer an die Kapitulation der deutschen Wehrmacht erinnert wird, die hier am 7. Mai vor 60 Jahren unterzeichnet wurde und einen Frieden begründete, "der Europa aufbaute", wie es im Festprogramm heißt.

Das Heft zur Kapitulation ist ein bisschen unhistorisch, aber gut europäisch aufbereitet - als Titelheld grüßt der französische General Charles de Gaulle, umrahmt vom US-Oberkommandierenden Dwight D. Eisenhower und dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer. Dessen Foto soll daran erinnern, dass hier in Reims vor 43 Jahren auch die deutsch-französische Versöhnung feierlich beschworen wurde.

Reims veranstaltet Ausstellungen, Symposien und Zeremonien, lädt aber auch zu viel Musik und Tanz ein, zu Vorbeimärschen und einem Feuerwerk. Dafür flattern die Fähnchen der Siegermächte - Sowjetunion, Großbritannien, USA und Frankreich - schon mal ein bisschen über den Straßen und auch vor dem Rathaus, dem beeindruckenden "Hôtel de Ville" aus dem 17. Jahrhundert.

Spaziergänge durch Reims sind bisweilen Wanderungen durch den "Art-déco"-Stil der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen das durch den Ersten Weltkrieg verwüstete Reims neu aufgebaut wurde. Auf Jugendstil stoßen wir in den Einkaufspassagen, aber auch am und im Kaufhaus Heyraud, wo sich im Eingang eine dekorative Orgie aus rosa Kissen und Decken, Stoffblumen und Tüchern breit macht, zugleich nah an der Geschmack- wie an der Fassungslosigkeit: So schön kann Kitsch sein.

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