Reiseziel Boston: Amerikas Überflieger

Reiseziel Boston
Amerikas Überflieger

Der Mann trägt Kniebund. Dazu einen schwarzen Dreispitz, wollenes Cape, samtenes Jankerl und weißes Hemd mit Rüschen. Die Tracht aus dem 18. Jahrhundert ist Arbeitskleidung. Sam Jones gehört zu den Fremdenführern Bostons, die ihrer Aufgabe im Stil jener Zeit nachgehen, als die Siedler im Nordosten der USA die Unabhängigkeit von der britischen Krone vorantrieben.

HB BOSTON.Sam Jones, der Theaterwissenschaften studiert hat, kam vor 13 Jahren in die Stadt am Nordatlantik und führt nun für die Kulturstiftung "Freedom Trail" Interessierte über den "Freiheitspfad". Auf dem rund drei Meilen langen Weg, der auf Bürgersteigen rot markiert ist, geht es zu 16 historischen Plätzen und altenglischen Backstein-Gemäuern, die typisch sind für Boston, wo 1776 die Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt wurde.

Boston gilt nicht von ungefähr eines der Traditionszentren der USA. Dennoch ist die Neuengland-Metropole nicht rückwärts gewandt, im Gegenteil: Die "Yankees" stehen parteipolitisch seit jeher mit einer satten Mehrheit im demokratischen Lager, verfolgen vehement ihre Ideen von Freiheit und Fortschritt, arbeiten selbstbewusst an der Zukunft.

Hier sind die Universitäten Harvard und Massachusetts Institute of Technology (MIT) angesiedelt, die weltweit als erste Forschungsadressen gelten. Dabei unterscheidet manch Einheimischer zwar, dass diese Hochschulen in Cambridge liegen. Aber nur der Charles River trennt die Gemeinden und deren Bewohner, ob die alteingesessenen "Bostonians", ob zugezogene internationale Wissenschaftler oder Studenten aus aller Welt. Die intellektuelle Gemeinde verbreitet ein kosmopolitisches Flair, einzufangen am urigen Harvard Square. Am Square und drum herum herrscht reger Betrieb, verlustieren sich Einheimische, Touristen, Studenten und ihre akademischen Lehrer. Hochmusikalisch gibt das Boston Symphonie Orchester unter Leitung von Stardirigent James Levine den Ton an. In der unterhaltenden Musik reicht die Bandbreite des örtlichen Angebots bis zum Jazz, der hier seit 1920 eine eigenwillige Heimat hat und heute vom Berklee College of Music akademisch begleitet wird.

Boston erinnert mit dieser Vielfalt und Dynamik an New York. Nur dass es in der Metropole am Charles River weniger hektisch zugeht als im Moloch am Hudson River vier Autostunden südlich. Boston ist die westlichste Metropole der USA und im Flug von Deutschland aus in gut sieben Stunden erreicht. Alles ist kleiner und feiner hier im Norden.

Trotzdem drängen werktags Abertausende Berufspendler aus dem Raum "Greater Boston" mit 82 Gemeinden und über drei Millionen Einwohnern ins Zentrum. Die eigentliche City zählt dagegen gerade mal 600 000 Menschen. Die U-Bahn ist darum besser als das Auto, zumal permanent Parkplätze knapp sind und verschachtelte Einbahnstraßen nur verwirren.

Am besten geht es zu Fuß voran. Das passt zum sportlichen Image, das sich nicht nur auf den Boston Marathon gründet, Traditionslauf immerhin seit 1897. Selbst Damen in engem Business-Kostüm machen sich in Jogging-Schuhen auf den Weg, die Pumps in der Tasche. Massenhaft schwingen sich Leute aufs Fahrrad, ein gut ausgebautes Wegenetz wartet. Boston hat?s, auch optisch. Augenschwenk nach Osten: Hier sind die Wolkenkratzer des Financial Districts, die die Skyline beherrschen und die Finanzkraft der Region widerspiegeln; dort die Backsteinhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die Kleinstadt-Flair verbreiten, ohne spießig zu wirken.

Nobel sind die gut erhaltenen Stadtvillen vor allem auf dem Beacon Hill. Das Viertel gilt heute wie schon Ende des 18. Jahrhunderts als eine der ersten und entsprechend teuren Wohnadressen. Die Straßen, besser Sträßchen, sind mit Kopfsteinpflaster ausgelegt und gebieten Entschleunigung.

Das Quartier grenzt an den "Boston Common", 19 Hektar groß und seit 1640 nachweislich öffentlicher Park. Am Public Garden beginnt die Commonwealth Avenue, ein breiter Boulevard mit dichten Magnolienbäumen, die sich im April/Mai als ein einziges weiß-rosa Blütenmeer präsentieren. Die Avenue führt zur Back Bay im Westen.

Im 19. Jahrhundert musste dieses Land erst mühsam dem feuchten Marschland am Charles River abgetrotzt werden, bevor die Reihenhäuser mit Erkern, Simsen und kleinen Vorgärten entstehen konnten. Parallel zur Commonwealth verläuft die Newbury Street, die erste Einkaufsadresse. Auch hier reihen sich diese typischen Stadthäuser aneinander - Boutiquen, Bars, Cafés, Restaurants, Galerien, Büchershops. Selbst in Tiefparterre befinden sich Geschäfte. Das Angebot ist üppig, zudem sind Kleidungsstücke bis 150 US-Dollar steuerfrei.

Von der Newbury Street ist es ein Block bis zum Copley Square, einem architektonischen Musterbeispiel dafür, wie alt und neu harmonieren. Auf der Ostseite des viereckigen Platzes entstand 1871 im romanischen Stil die Trinity-Kirche, die als eines der schönsten amerikanischen Gebäude gilt. Auf der nächsten Achse wurde 1895 ein Palazzo-artiger Bau im italienischen Renaissancestil errichtet, die Boston Public Library.

In gleichem Prunk gesellte sich auf der dritten Achse des Karrees 1912 das Luxushotel "The Fairmont Copley Plaza" dazu. Als 1975 zwischen dem Ensemble eine Baulücke zu schließen war, fügte der internationale Stararchitekt Ieoh Ming Pei den John Hancock Tower ein, einen 226 Meter hohen Büroturm. Harvard-Absolvent Pei entwarf auch das John-F.-Kennedy-Museum und die-Bibliothek. Und die 15 Meter hohe Glaswand gibt einen atemberaubenden Blick übers Meer frei.

Doch zuvor geht es am Copley Square in die "Oak Bar", die zum Copley Plaza Hotel gehört. Lecker dieser Zwiebeldip mit Hummerfleisch zur Artischocke!

Hier in Back Bay führt der Freedom Trail nicht entlang, da das Viertel erst Jahrzehnte nach dem Unabhängigkeitskrieg entstand. Der Pfad verläuft im Osten, beginnt am Parkteil Common und bringt zunächst zum Massachusetts State House, dessen Grundstein 1795 Freiheitskämpfer Paul Revere legte. Von dort geht es unter anderem zum Old State House von 1713 mit dem reich verzierten Turm, wo 1776 die Unabhängigkeitserklärung verlesen wurde. Drum herum ragen die Wolkenkratzer von Banken und Versicherungen empor, an die sich der kleine Backsteinbau anzuschmiegen scheint. Im Old State House residierte einst die britische Kolonialregierung. Löwe- und Einhornfiguren auf den Dachsimsen waren deren Symbole. Dort stehen nun Replikate, "weil die echten zur Unabhängigkeitserklärung abgerissen wurden", erklärt Guide Jones alias Dawes.

Er erzählt dies und viel mehr, bis in der Union Street das "Union Oyster House" auftaucht. Das Restaurant, original alt und wie so viele andere aus Backstein, existiert seit 1826 und ist seither ununterbrochen bewirtschaftet, heute von den Milanos.

Die 80-jährige Seniorchefin blättert an ihrem kleinen Schreibtisch in Belegen. Austern, Hummer und andere Meeresfrüchte werden hier für "Ladies and Gents", wie es an der Außenfront steht, fangfrisch serviert.

Am Tresen trinkt der Mann im Revolutionärsdress mit Dreiviertelhosen und Dreispitz ein Bier und erwartet seine Touristen und ihre Neugier auf die traditionssatte Metropole im Nordwesten der USA.

Im Westen was Neues

Anreise

Reisen organisiert etwa Airtours (www.airtours.de oder im Reisebüro) mit Offerten für diverse Fünf-Sterne-Hotels, darunter "The Fairmont Copley Plaza". Die Übernachtung dort kostet ab 101 Euro pro Person im Doppelzimmer. Aktuell ist bei vier zusammenhängenden Nächten die vierte Nacht gratis. Das Designhotel "Nine Zero" verlangt ab 122 Euro pro Person. Ab Frankfurt fliegt die Lufthansa Boston, sprich Logan International Airport, direkt an. Ticket retour ab 441 Euro plus 15 Euro Gebühren

http://www.lufthansa.com

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Klima:

Im Winter kann es eisig sein in Boston, die Stadt ist oft tief verschneit. Sonst herrscht ein Klima wie an der Nordsee, nur dass es im Sommer nicht so oft regnet.

http://www.bostonusa.com .

http://www.state.ma.us

http://www.cambridge-usa.org

http://www.citypass.com

Kultur und Kunst

Boston Symphony Orchestra http://www.bso.org .

J.F.K.-Bibliothek http://www.jfklibrary.org.

Aus- und Überblick:

Ein 360-Grad-Panorama bietet das Prudential Center von seiner Aussichtsplattform im 52. Stock: http://www.prudentialcenter.com.

Lektüre:

Ole Helmhausen: Dumont-Reise-Taschenbuch Boston & Neu-England , Dumont-Reiseverlag, Ostfildern (Januar 2005), 12 Euro

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