Riad
Oasen der Ruhe

Wer Marrakesch wirklich gesehen haben will, braucht kein Hotel. Er muss in einem der stilvoll renovierten Riads innerhalb der Medina wohnen. In der marokkanischen Königsstadt erliegen immer mehr Europäer dem Zauber dieser Gästehäuser.

MARRAKESCH. Der Weg durch die Medina von Marrakesch erinnert an einen Irrgarten. Erst nach 15 Minuten Schieben durch Menschengewühl auf dem mittelalterlichen Platz Jema’ El Fna und dem Vorbeiwinden an allen möglichen Zweirädern, die durch die schmalen Souks fahren, biegen wir links ab in eine dunkle, überdachte Gasse. Nach ein paar Kurven hält der freundliche Kofferträger vor einer großen Holztür: „Wir sind da.“ Enttäuschung. Das Riad, zu Deutsch Gästehaus, sieht von außen recht bescheiden aus.

Und im Innern? Luxus hat hier eine andere Ausprägung als in den großen Fünf-Sterne-Hotels am Rande der Stadt. Wer das Stimmengewirr und die magische Exotik des Bazars hinter sich lässt, dem offenbart sich das Riad El Cadi als eine Oase der Ruhe. Seine verschiedenen Innenhöfe mit ihren exotischen Bepflanzungen und den stilvollen Möbeln laden nach dem Einkauf in den Souks zum Stillhalten ein. Überall liegen Sitzkissen, Bildbände in allen Sprachen verführen schon deshalb zum Schmökern, weil es auf den Zimmern keine Fernseher gibt.

In fast allen Riads kann man auf einer Dachterrasse mit Blick über Marrakesch frühstücken. Kein Wunder, dass die Kultur der Riads in der marokkanischen Königsstadt bei den Europäern derzeit eine bemerkenswerte Nachfrage erlebt. Es sind vor allem Ausländer – wie die Deutsche Julia Bartels im Fall von El Cadi –, die die teilweise kurz vor dem Verfall stehenden zusammenhängenden Stadthäuser kaufen, sie mit Sorgfalt renovieren und zum luxuriösen Gasthaus umgestalten lassen.

Mit Geschmack und Kenntnisreichtum versuchen sie, die aufwendigen marokkanischen Holzarbeiten, die Mosaike und Fliesenteppiche, die alten Brunnen der Innenhöfe sowie die oft jahrhundertealten Deckenfresken zu erhalten.

„Wir wollen, dass sich unsere Gäste wie zu Hause fühlen“, versichert Gabriele Noack-Späth. Die deutsche Entwicklungshelferin hat sich ebenfalls wie Bartels aus Liebe zu Land und Leuten in Marrakesch ein Riad gekauft hat. „Mit viel Ärger habe ich das Haus renoviert“, gibt sie zu. Aber sie bereut ihre Entscheidung nicht: „Die guten Flugverbindungen nach Deutschland über Ryan Air und demnächst auch mit TuiFly sowie die Möglichkeiten, über das Internet mit der Heimat in Kontakt zu bleiben, machen aus dieser exotischen Stadt für mich einen idealen Altersruhesitz.“

Nach einem langen Nomadenleben durch viele afrikanische und asiatische Länder hat Noack-Späth in Marrakesch ihre Heimat gefunden. In ihrem Riad Noga begrüßt sie ihre Gäste mit frischem Pfefferminztee und einer hauseigenen Köchin, die auf Bestellung köstliche marokkanische Spezialitäten serviert.

Natürlich hat der individuelle Service in den Riads seinen Preis. Eine Nacht in einem Doppelzimmer kostet zwischen 150 und 1 500 Euro. Einer der teuersten Gästehäuser ist das Kasbah Tamadot, das im Besitz des britischen Erfolgsunternehmers Richard Branson ist. Auf dem Weg ins Atlas-Gebirge thront dieses Festungsgebäude mit seinen 18 Zimmern wie ein königlicher Palast.

Der krönende Abschluss der marokkanischen Riad-Kultur ist der Besuch eines Hammam, eines arabischen Bads. El Cadi bietet wie viele Häuser diesen Service in den eigenen vier Wänden an. Eine halbe Stunde lang wird der Körper in einem Dampfbad von einem Masseur mit verschiedenen Seifen und Cremes abgeschrubbt, danach abgespült und schließlich kräftig von oben bis unten durchmassiert. Wer diese intensive Reinigungsprozedur erlebt hat, definiert Luxus zukünftig sicherlich anders, wie einer der kleineren Besucher im El Cadi, der achtjährige Alvaro aus Madrid: „Jetzt bin ich so sauber, dass ich mich sicherlich drei Wochen nicht mehr waschen muss. Das ist wirklich gut.“

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