Russen an der Adria
Vom Teutonengrill zum Shopping-Paradies

Russlands Reiche haben die italienische Adria entdeckt. Sie füllen jene Lücke, die durch fernbleibende Deutsche und Skandinavier entstanden ist, und entzücken mit ihren wohlgefüllten Geldbörsen die Herzen der einheimischen Händler. Eine ganze Industrie umschwärmt inzwischen die neue Kundschaft.

RIMINI. Der Strand von Rimini ist menschenleer. Sonnenschirme und Liegestühle sind verstaut, ein Hund suhlt sich einsam im Adria-Sand. Die Bambus-Verzierung der geschlossenen Strandbar „Bagno Uno“ wirkt fehl am Platze. Es ist kalt an diesem Samstag im November, auch in Italien.

Wenige Kilometer weiter, am Flughafen von Rimini, herrscht dennoch Hochbetrieb. Große, blonde Frauen in Pelzmänteln und blauäugige Männer in schwarzen Lederjacken schieben hoch aufgetürmte Gepäckwagen zu den Abfertigungsschaltern. Ihr Ziel: Moskau. 12.25 Uhr, 13.40 Uhr, 15.30 Uhr – gleich drei Flüge heben in den nächsten Stunden Richtung russische Hauptstadt ab. Ebenso viele werden noch heute Nachmittag aus Moskau landen.

Die Russen haben die italienische Adria-Küste entdeckt. Die Hinweise „Check-in“ und „Gates“ sind längst ins Russische übersetzt, und in den Vitrinen erklären Schilder in kyrillischer Schrift, wo es Jacken von Dolce & Gabbana zu kaufen gibt.

Mehr als 100 000 Gäste aus Russland sind allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres in Rimini gelandet. Dabei ersetzen die Osteuropäer nicht nur die deutschen und skandinavischen Urlauber, die früher die Adria-Strände bevölkert haben. Sie kommen heute vor allem zum Shoppen – und das im großen Stil.

„Früher haben die russischen Gäste im Durchschnitt 3 000 Euro bei ihrem Besuch ausgegeben. Heute liegt der Schnitt bei 50 000 Euro, viele kaufen für ihre Läden in Russland ein“, berichtet Unternehmer Alfonso Baldazzi, 59. Braun gebrannt schlürft der kurzhaarige Mann mit der beigefarbenen Daunenjacke und der auffälligen Sonnenbrille seinen Espresso an der Flughafenbar. „Damals zahlten die Russen alles in Cash“, erzählt er, „heute läuft alles über Kreditkarte.“

Gemeinsam mit einem Freund hat Baldazzi schon Mitte der 90er-Jahre die ersten Charter-Flüge nach Rimini organisiert – inklusive Shopping-Touren zu den Mode-Großhändlern in Bologna. „Damals haben die Russen vor allem in der Türkei eingekauft“, erzählt Baldazzi, „wir haben sie nach Italien gebracht, wo die Qualität besser ist.“

Rimini war der erste italienische Flughafen, auf dem Charterflüge aus Moskau landeten. Mittlerweile hat sich Baldazzi ganz auf Flüge und Unterkunft spezialisiert. Allein in diesem Jahr hat er mit seiner Agentur Adriatour 25 000 russischen Gästen ein Quartier besorgt. „Und jedes Jahr kommen 30 Prozent neu hinzu“, stellt er zufrieden fest.

„Die kaufen nur die ganz großen Marken: Dolce & Gabbana, Armani, Roberto Cavalli. Was anderes kommt denen gar nicht in die Tüte“, weiß Maurizio, der seit Jahren russische Gäste zum Großeinkauf begleitet. Der Mann mit dem Drei-Tage-Bart und den roten Turnschuhen steht im Foyer des Flughafens und wartet auf den verspäteten Flug aus Moskau. Er wird die Touristen auf den Parkplatz begleiten, wo die Kleinbusse mit Aufschriften wie „Capital Tours“, „Shop-Tour“ oder „Business Italia“ bereits auf die Kundschaft warten.

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