Sarkozys erster Machtkampf mit der Straße
In Frankreich geht fast nichts

Mit ihrem größten Streik seit Jahren haben die französischen Eisenbahner am Donnerstag den Verkehr im Land weitgehend lahm gelegt: In Paris fuhr nur jede zehnte Metro, die meisten Vorortzüge und TGVs fielen ganz aus. Während zahlreiche Bahnhöfe verwaist blieben, stauten sich die Autos auf den Zubringerstraßen in die Hauptstadt mehr als hundert Kilometer.

HB PARIS. Die Gewerkschaften der Bahn (SNCF) und der Pariser Verkehrsbetriebe (RATP) wollen mit der Aktion die geplante Streichung von Rentenprivilegien stoppen. Für Staatspräsident Nicolas Sarkozy ist der Streik die erste harte Kraftprobe seit seinem Amtsantritt im Mai. „Jeder weiß, dass die Reform notwendig ist, dafür bin ich gewählt worden“, sagte Sarkozy am Vortag.

Das genaue Ausmaß der Beeinträchtigungen war am Morgen zunächst nicht abzusehen. In Erwartung eines Verkehrschaos' waren tausende Pariser auf Fahrräder umgestiegen und lieferten sich an den Stationen für kostenlose Leihräder regelrechte Scharmützel. Ein großer Teil der Pendler arbeitete in Erwartung chaotischer Zustände offenkundig von zu Hause. Auf den Autobahnringen um die Metropole waren die Staus nicht länger als an gewöhnlichen Tagen.

Viele Pendler, die es mit dem Zug nach Paris schafften, waren erbost. „Wieder werden wir als Geiseln genommen“, sagte die Sekretärin Sandrine Bontet am Bahnhof Saint Lazare. Eine Stunde wartete sie auf einen völlig überfüllten Zug. „Der Sinn des Streiks leuchtet mir nicht ein. Für die Privilegien der Eisenbahner gibt es keine Berechtigung mehr.“

Die so genannten Régimes Spéciaux gewähren Beschäftigten von Staatsbetrieben Frühpensionen. Lokführer können bereits mit 50 Jahren ohne Abzüge in Rente gehen, die meisten Angestellten der Staatsbetriebe müssen 37,5 statt den üblichen 40 Jahren arbeiten. Eingeführt wurden die Regeln zum Teil vor mehr als hundert Jahren, als die Arbeitsbedingungen etwa für Zugführer noch wesentlich härter waren. Sarkozy will die Privilegien bis 2012 abschaffen.

Die Gewerkschaften zeigen sich so geschlossen wie zuletzt vor zwölf Jahren. Damals wollte Premierminister Alain Juppé die Sonderrenten kappen, zog nach dreiwöchigen Massenstreiks die Reform aber zurück. Der Rückhalt für die Mitarbeiter der Staatsbetriebe ist seitdem erheblich gesunken. Rund die Hälfte der Franzosen hält ihre Privilegien nicht mehr für finanzierbar.

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