Scheidung auf Japanisch
Zum Abschied eine große Feier

Wenn Hochzeiten groß gefeiert werden, wieso dann nicht auch Scheidungen? In Japan ist in der Nische ein Markt herangewachsen, der Paaren zeremonielle Trennung ermöglicht. Berufsbezeichnung: Scheidungsplaner.
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TokioDas Paar ist festlich gekleidet, umgeben von engen Freunden, und steht Seite an Seite vor einem Tisch mit Ring. Was fast wie eine Hochzeit aussieht, ist eine Scheidungszeremonie in Tokio. In wenigen Sekunden werden die beiden gemeinsam mit einem Hammer den Ehering zertrümmern. Organisiert hat die Trennungsfeier Hiroki Terai. Der selbst ernannte „Scheidungsplaner“ organisiert Zeremonien, bei denen Paare ihre verlorene Liebe demonstrieren, bevor sie - in den meisten Fällen - lächelnd auseinander gehen.

„Ich halte das Konzept der Scheidung nicht für etwas Negatives“, sagt Terai. „Bevor man sich ein Leben lang in den Haaren liegt, ist es viel besser, die Beziehung zu beenden und getrennt neu anzufangen.“ Seit seiner Kindheit habe er sich gewundert, warum es zwar Hochzeitsfeiern, aber keine Scheidungszeremonien gibt. „Eine freundschaftliche Scheidung ist bewundernswert“, sagt der 31-jährige Junggeselle. „Wenn ich mich scheiden lasse, möchte ich eine Scheidungsfeier.“

Von 70.000 Paaren pro Jahr in den 1960er Jahren hat sich die Scheidungsrate in Japan mehr als verdreifacht: 2009 wurden 253.000 Ehen geschieden. Bei seiner 79. Zeremonie verabschiedet Terai den 38-jährigen Kenji und seine Frau Keiko in ein hoffentlich glücklicheres Leben ohne den anderen. „Wir waren sieben Jahre verheiratet, und es ist nicht einfach, das nur mit einer Unterschrift zu beenden“, sagt Kenji vor der Zeremonie. Seine Frau ist skeptisch: „Ich mache das nur, um meinem zukünftigen Ex-Mann einen letzten Gefallen zu tun“, sagt die ganz in schwarz gekleidete 36-Jährige.

Für das Paar hat Terai zwei Rikschas bestellt, mit denen sie getrennt zur Feier anreisen. Einige Freunde sind zum Trennungsfest in der bescheidenen, aber bunt geschmückten Garage eingeladen. „Hinter eurer Entscheidung, getrennte Wege zu gehen, stehen viele komplexe Gründe, die nur ihr kennt“, sagt Zeremonienmeister Terai. „Wir alle beten dafür, dass dieser Tag einen guten Neustart bedeutet.“

Dann reicht er einen Hammer, mit dem die beiden ihren Ehering zertrümmern sollen - als letzte gemeinsame Handlung. Als die Gäste applaudieren, bricht Keiko in Tränen aus. „Es wurde mir klar, dass es hiermit vorbei ist“, sagt sie weinend. „Es macht mich ein bisschen sentimental. Ich bin froh, dass wir es gemacht haben.“ Für Terai kommt diese Reaktion nicht überraschend: „Aber normalerweise scheinen sie nach der Zerstörung des Rings erleichtert, ihre Gesichter hellen sich auf“, sagt er über die Scheidungspaare. „Die Gäste feiern dann tatsächlich eine glückliche Trennung.“

Terai will seine Dienste jetzt auf Südkorea ausweiten, das Land mit der höchsten Scheidungsrate in Asien. Vor allem die Männer seien es, die seine Zeremonie buchen wollen: „Wenn eine Beziehung endet, scheinen die Frauen viel leichter damit fertig zu werden, die Männer haben mehr Schwierigkeiten, loszulassen“, erklärt er. „Sie brauchen eine Gelegenheit, einen Schlussstrich zu ziehen.“

Andere überlegen es sich anders: Neun Paare beschlossen während der Zeremonie laut Terai, doch zusammenzubleiben. Auch Kenji ist gerührt von den Tränen seiner Ex-Frau. „Ich hätte nie gedacht, dass sie weinen würde“, sagt er mit einem liebevollen Blick zu ihr. „Vielleicht sollten wir uns das mit der Scheidung noch einmal überlegen.“ Keiko schüttelt den Kopf. „Soweit würde ich nicht gehen“, beteuert sie.

 

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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