Schweizer Weltmeister im Bahnfahren: Rampen für Elefanten

Schweizer Weltmeister im Bahnfahren
Rampen für Elefanten

In keinem Land der Welt legen die Einwohner pro Jahr mehr Kilometer mit der Bahn zurück als in der Schweiz – gefolgt von den Japanern. Gründe für die Beliebtheit der Bahn sind einige Dinge, die gerade in Deutschland nicht so reibungslos funktionieren.

ZÜRICH. Geschafft. Drei Kilometer mehr. Exakt 1929 Kilometer legt jeder Eidgenosse durchschnittlich pro Jahr mit der Eisenbahn zurück. Das sind drei Kilometer mehr als beim Durchschnittsjapaner, hat der Internationale Eisenbahnverband jetzt ausgerechnet. Damit hat er den Schweizern den Titel Weltmeister im Bahnfahren verliehen. Was die Zahl der Fahrten anbelangt, ist der Schweizer dem Japaner allerdings unterlegen: 42 Mal steigt er pro Jahr in den Zug. Im Land der aufgehenden Sonne schaffen es die Bewohner 68 Mal. Aber die Schweizer halten es – siehe Kilometerstatistik – eben weiter aus in ihren Zügen. Außerdem sind sie mit 42 Fahrten immerhin europäischer Meister. Der gemeine Deutsche bringt es laut Statistik mal gerade auf 22 Bahnfahrten im Jahr.

So weit die Zahlen. Die Interpretation übernimmt beispielsweise der Informationsdienst für den öffentlichen Verkehr, eine eidgenössische Erfindung, die ursprünglich „Schweizerische Liga für rationelle Verkehrswirtschaft“ hieß. Der Sprecher des Informationsdienstes, Tony Lüchinger, stellt angesichts der jüngsten Zahlen mit Blick auf die Debatte im großen Nachbarland fest: Der Erfolg liege daran, „dass die Bereiche Infrastruktur und Betrieb rechtlich nicht voneinander getrennt“ sind. Lüchinger liefert damit DB-Chef Hartmut Mehdorn ein Argument frei Haus, der diese Trennung bei sich gegen die Politik verhindern will.

In der Praxis dürfte es Schweizern wie Deutschen allerdings relativ schnurz sein, wer der Herr über Schiene und wer über die Wagen ist, so lange die Sache reibungslos rollt. Und da haben die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) der DB klar etwas voraus: Die Züge sind pünktlich – mehr als 95 Prozent erreichen innerhalb einer Toleranz von fünf Minuten ihr Ziel. Der Fahrplan lässt sich leicht merken: Fast jeder Ort der Schweiz wird immer im gleichen Halbstunden- oder Stundentakt angesteuert. Die Preise sind übersichtlich: Jeder Zug kostet gleich viel, egal wie schnell er fährt. Billetts gibt es an Automaten, deren Hersteller die Vorschrift einhalten musste: Ein Ausländer muss in der Lage sein, an ihnen innerhalb von 40 Sekunden mit der Kreditkarte einen Fahrschein zu kaufen – und siehe: Es ist zu schaffen.

Darüber hinaus besitzt knapp jeder dritte Schweizer ein „Halbtaxabo“ oder ein „Generalabonnement“, mit dem er für die Hälfte des regulären Preises oder umsonst fährt. Die SBB hat mit solchen Angeboten mal eben ein Drittel der Eidgenossen zu Stammkunden gemacht. Dazu kommen liebevoll gepflegte Traditionen: So bestehen Verträge, wonach die SBB den Schweizer Nationalzirkus Knie von Ort zu Ort befördert. Die Diskussionen über Rampen für Elefanten verleihen der SBB etwas tierisch Menschliches.

Da drücken die Schweizer sogar ein Auge zu, wenn ihre Bahn trotz Subventionen von knapp einer Milliarde Euro im Jahr Verluste einfährt: Mehr als 100 Mill. Euro waren es 2005. An zu wenig Bahnfahrern lag das nicht. Eher an zu wenig Gütern. Da ist wenig Weltmeisterliches: Denn die Tochter SBB-Cargo steht im knallharten Wettbewerb mit Europas Bahnen und muss um jede Tonne Fracht und jeden Franken kämpfen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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