„Simpson’s-in-the-Strand“
Sündenpfuhl

Das Simpson’s-in-the-Strand ist bodenständig. Doch Konvention und Geschichte wollen gepflegt sein: Das Restaurant mit der schönen Adresse 100 Strand mitten in London nahe dem Themse-Ufer hat vor fast 180 Jahren als Kaffeehaus und Gentlemen’s Club begonnen. Bis heute ist es ein Renner.

Sein Anschlag ist watteweich. Ashley, der Mann am Flügel, spielt „We’ll meet again“ und belächelt das Szenario am Eingang, das er häufig musikalisch begleitet. Dort schickt die Empfangsdame soeben mit herzerweichendem Augenaufschlag und unerbittlicher Konsequenz einen ahnungslosen Touristen zum Umziehen ins Hotel: Jeans sind nicht erwünscht.

Das Simpson’s-in-the-Strand ist bodenständig. Doch Konvention und Geschichte wollen gepflegt sein: Das Restaurant mit der schönen Adresse 100 Strand mitten in London nahe dem Themse-Ufer hat vor fast 180 Jahren als Kaffeehaus und Gentlemen’s Club begonnen. Also keine Jeans. Wohingegen, was rätselhaft bleibt, eine Krawatte in dem dunkel getäfelten Saal mit den goldenen Lüstern, den gewaltigen Samtvorhängen und Spiegeln kein Muss ist.

So groß „The Grand Divan“, der Saal im Simpson’s, auch ist, meist sind alle Tische belegt. Stammgäste gibt es viele: ältere Semester, die immer schon kommen. Banker und Anwälte, die bei Geschäftsessen gern mit „Wie immer“ bestellen. Und natürlich Touristen, die im Simpson’s endlich einmal Black Pudding essen wollen.

Das Restaurant war und ist ein Renner: seiner Historie, seiner Verschrobenheit, seines altmodischen Ambientes und der Zuverlässigkeit der Speisenkarte wegen, die hier statt Menü very British „Bill of Fares“ (wörtlich: Liste der Kost) heißt.

Immer noch sitzen im „Grand Divan“ Menschen mit rauchenden Köpfen einander gegenüber und spielen Schach, während sie auf den Braten warten, den die Kellner seit je in beheizten Servierwagen unter einer Silberglocke vorfahren und am Tisch schneiden.

Die tiefdunklen, schweren Servierwagen sind im Simpson’s so sehr Tradition wie das Schachspiel. Das berühmteste, das „Unsterbliche Spiel“, trugen 1851 Adolf Anderssen und Lionel Kieseritzky im Simpson’s aus.

Meisterschaften sind es heute nicht mehr, aber Schach wird gespielt – seit 1828, als Samuel Reiss den Club in den einstigen Räumen der Fountain Tavern eröffnete, dem früheren Zuhause der politischen und literarischen Londoner Vereinigung Kit Kat Club. Mit so illustren Mitgliedern wie dem ersten Premierminister Großbritanniens, Sir Robert Walpole.

1848 wurde dann aus dem Kaffeehaus das Restaurant, und zum Schach gesellten sich in jüngster Vergangenheit Kreuzworträtsel, die hungrigen Gästen als Denksport zum Frühstück serviert werden. Denn seit etwa zehn Jahren öffnet das Simpson’s-in-the-Strand ab sieben Uhr früh, was für Londons Traditionalisten eine schwere Kost war.

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