Streik in New York
„Sind wir hier jetzt etwa in Frankreich?“

Diese Station wird bestreikt. Fröhliche Weihnachten“, steht handgeschrieben auf einem Schild am Eingang der U-Bahn in Midtown Manhattan. Weiter nördlich in Harlem hat die Polizei Straßensperren errichtet. Nur wer vier Personen in seinem Auto hat, darf in die Stadt fahren.

NEW YORK. Sieben Millionen Menschen benutzen sonst jeden Tag den öffentlichen Nahverkehr der Stadt. Doch heute gehen Tausende New Yorker bei minus fünf Grad zu Fuß zur Arbeit in den Finanzdistrikt von Manhattan.

Unter ihnen Bürgermeister Michael Bloomberg, der die Nacht im Kontrollzentrum der U-Bahn verbracht hat. Am anderen Ende der Brücke schenkt das Rote Kreuz Kaffee aus. „Niemand stoppt New York“, sagt ein Mann, die Kapuze seiner Daunenjacke ins Gesicht gezogen. „Sind wir hier jetzt etwa in Frankreich?“, fragt CNBC-Moderator Joe Kernen. Streiks kennt er nur aus dem fernen Europa. Unmut auch auf der Straße: „Die gehören alle ins Gefängnis“, sagt Jim Ganella, als er vor dem Tor der U-Bahn am Times Square steht. Gemeint ist die Transportarbeiter-Gewerkschaft Local 100, die ihre knapp 34 000 Mitglieder am frühen Dienstagmorgen zum Streik aufgerufen hat. Seitdem stehen die 6 000 U-Bahnwagen und 4 600 Busse der Weltstadt still. Es ist der erste Arbeitskampf im öffentlichen Dienst New Yorks seit 25 Jahren. Damals lag der Verkehr für elf Tage lahm.

Auch an der Wall Street ist der Streik das Gesprächsthema Nummer eins auf dem Börsenparkett – und bleibt nicht ohne Wirkung auf den Handel. In den ersten 90 Minuten lagen die Umsätze mit Aktien elf Prozent unter dem Durchschnitt. Die Investmenthäuser mussten ihre Mitarbeiter mit Bussen zur Arbeit heranfahren.

Bürgermeister Bloomberg schätzt, dass jeder Streiktag bis zu 400 Mill. Dollar kosten könnte. Trifft der Arbeitskampf in der Weihnachtswoche doch den wirtschaftlichen Nerv der Metropole. Die großen Kaufhäuser haben extra ihre Öffnungszeiten bis Mitternacht verlängert, um das schleppende Weihnachtsgeschäft endlich anzutreiben. Ihre Mitarbeiter bringen sie mit Sonderbussen in die Stadt. Doch wer bringt die Kunden?

Bloomberg nennt das Vorgehen der Gewerkschaft „moralisch verwerflich“ und droht mit rechtlichen Schritten. Streiks sind in New York für öffentliche Angestellte verboten. Für jeden Tag, den die Mitarbeiter nicht erscheinen, wird ihnen der Lohn für zwei Tage abgezogen.

Gescheitert sind die Verhandlungen mit der Gewerkschaft an einer Frage, die die ganze US-Wirtschaft umtreibt: Wer soll die Altersvorsorge bezahlen? Die Gewerkschaft lehnt es ab, dass Beschäftigte künftig sechs statt zwei Prozent des Gehalts in die Pensionskassen einzahlen müssen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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