Tagein, tagaus
Der ewige Pendler

Fernpendler verbringen einen beachtlichen Teil ihres Arbeitslebens auf Schienen und in Bahnhöfen, die Deutsche Bahn wird zu ihrem dritten Zuhause. Wer jahrelang Tag für Tag mit dem Zug zur Arbeit fährt, kann viel erleben. Betrachtungen über das Leben eines Pendlers – aus gegebenem Anlass.

DÜSSELDORF. Wie eine dicke Wurst schiebt sich der doppelstöckige Regionalexpress heran. Er bremst, stoppt, und die Masse der Pendler quillt heraus. Zugleich lauert eine andere Menschenmenge auf dem Bahnsteig, rasch bilden sich dichte Trauben vor den Schwingtüren.

Der Laie weiß nur, dass man sich beim Einsteigen möglichst weit nach vorn schieben muss. Der Profipendler hingegen hat längst heraus, dass es wichtig ist, sich an der richtigen Seite der Tür anzustellen: dort, wo das kurze Ende des Waggons ist, weil dort weniger Leute aussteigen und man sich eher schon hineindrücken kann. Ist man einmal im Zug, gilt die Devise: rücksichtslos den ersten Platz ansteuern und sich darauf breitmachen. Wer einen Moment zögert, muss den ganzen Weg im Stehen oder auf der Treppe sitzend verbringen. Nur in den paar Tagen im Winter, als tatsächlich gestreikt wurde, waren die Züge, die nicht gestrichen wurden, angenehm leer - und pünktlich.

Ein paar Wochen im Sommer hatte ich bessere Chancen auf einen Sitzplatz, weil ich nach einer Knieoperation mit Krücken lief. Ich stellte aber fest: Es waren immer junge Frauen, die aufstanden und mir ihren Platz anboten. Der Mann an sich schaut nicht mehr hoch, wenn er einmal sitzt – ich selber bin da leider auch keine Ausnahme.

Mit einem leichten Ruck fährt der Zug an – wie fast immer verspätet. Ich schaue nervös auf die Uhr. Wie jeden Tag fährt die Sorge mit: Bekomme ich den Anschluss? Oder verbringe ich heute noch mehr als die "normalen" drei Stunden pro Arbeitstag auf dem Weg zwischen zu Hause und Büro und zurück?

Ich gehöre zu den gut 180 000 Menschen in Deutschland, die täglich mit der Bahn eine Distanz von mehr als 50 Kilometern überwinden. Wir sind eine Minderheit, aber immerhin so viele Leute, wie eine größere Provinzstadt bevölkern. Seit gut zehn Jahren pendele ich auf dieser Strecke zwischen Rösrath im Bergischen Land und Düsseldorf. Und es könnten – je nach der weiteren Entwicklung unserer Rentenkassen – noch einmal fast 20 Jahre werden. Drei Stunden an rund 220 Arbeitstagen im Jahr, das macht 6 600 Stunden in zehn Jahren, was wiederum mehr als einem Jahr inklusive aller Ferien- und Feiertage, aber abzüglich von jeweils sieben Stunden Schlaf täglich entspricht. Wenn es so weitergeht, werde ich daher gut drei Jahre meines Arbeitslebens auf Schienen und in Bahnhöfen verbracht haben - das ist länger, als manche ernsthafte Beziehung dauert.

So ist die Bahn längst mein drittes Zuhause geworden, nach dem Büro und diesem Häuschen im Grünen, das ich tagsüber fast nur am Wochenende bewohne.

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