Tallinn
Bilder einer Umstellung

Tallinns architektonische Stadtmoderne ist gerade sieben, acht Jahre alt. Die Tradition der Hauptstadt Estlands – bis 1918 Hieß sie Rival – reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Zur Hansezeit war die Stadt ein wichtiges Handelszentrum. Heute ist Tallinn auf dem Sprung in die europäische Modernität.

Die Dame mit blauem Bowlerhut überm Bubikopf kehrt der Stadt den Rücken zu, ein wenig pikiert, wie’s scheint. Dicht an dicht bilden die ockerfarbenen Dächer der Altstadt hinter ihr eine Komposition aus einfachen geometrischen Formen, die zwischen dem rauchenden Fabrikschlot und dem Turm der Olaikirche den Blick auf den Hafen von Tallinn freigeben.

1924 hat der einheimische Maler Arnold Akberg (1894 – 1984) das Ölbild mit Bubikopf-Dame „Vaade Toompealt“ gemalt, „Blick vom Hügel Toompea“ (Domberg) über der estnischen Hauptstadt Tallinn. Das Bild hängt heute im „Kumu“ – im estnischen Kunstmuseum, das ziemlich genau vor einem Jahr seiner Bestimmung übergeben wurde. Zusammen mit dem „Okkupationsmuseum“, das an die Terrorbesatzungen Estlands durch Deutsche (1941 bis 1944) und Sowjets erinnert, gehört das Kumu zu den wichtigsten architektonischen Werken im Baltikum der Nachwendezeit.

An der Perspektive auf Tallinn, wie sie der Maler Akberg vor Augen hatte, hat sich wenig geändert, die roten Dächer der Altstadt, Kirch- und Rathausturm, am Horizont ein schmalsilbriges Band aus Ostsee und Hafenbecken. Radikal unterscheidet sich die Silhouette von der Arnold-Akberg-Perspektive aus den 1920er-Jahren erst dann, wenn man oben auf der Aussichtsplattform des Dombergs den Blick etwas nach rechts verschiebt: Dann türmen sich die Hochhäuser des modernen Banken- und Geschäftsviertels der Stadt auf, dominiert vom 94 Meter hohen Wolkenkratzer der SEB Eesti Ühispank aus dem Jahr 1999. Tallinns architektonische Stadtmoderne ist gerade sieben, acht Jahre alt; die historische Tradition der Stadt reicht ins 13. Jahrhundert zurück.

Im Mittelalter stieg sie als Reval zum Knotenpunkt des hansischen Ostseehandels auf – geprägt auch durch eine deutsche Oberschicht, die fast ausschließlich aus westfälischen und hanseatischen Kaufleuten bestand. Wie sehr sie das kulturelle Leben Revals beeinflussten – auch das zeigen Werke, die im Kumu ausgestellt sind. Fast alle Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts tragen deutsche Namen: Weizenberg, Dücker, Hoffmann, von Kügelgen, von Manteuffel, Schlichting, Hagen-Schwarz. Einige ihrer Stücke geben Einblicke in die (vermeintlich idyllischen) Welten des Adels und der Bürgerlichkeit in der estnischen Geschichte, andere spiegeln das künstlerische Naturerleben jener Zeit wider.

Auseinandersetzungen mit der Stadt Reval, in der sie lebten, sind selten – auch spätere estnische Künstlergenerationen haben sich eher mit Paris, Berlin oder Florenz beschäftigt als mit ihrer Heimatstadt. Die wenigen Stadtporträts im Kumu sind dennoch probate Einstiegshilfen für touristische Blicke auf die Stadt, unterfüttert teils in historischer, teils historisierender Schau. Heftig umstritten waren in der Bevölkerung bis zuletzt glorifizierende Exponate aus der Zeit der beiden sowjetischen Okkupationen Estlands (1940 - 1941 beziehungsweise 1944 - 1990), die teilweise stalinistische Bilder Tallinns präsentieren.

Eher schon könnte Herbert Lukks „Tallina vaade“ motivierend wirken, eine – wie es aussieht – gut gelaunte Sicht auf Tallinn, die 1918 in pointillistischer Manier entstand und ein hübsch farbenfrohes Bild der Stadt abgibt, in der es nicht immer so bunt zuging.

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