Tibet
Expedition in dünner Luft

Nach Tibet zu reisen ist noch immer nicht selbstverständlich, trotz der neuen Lhasa-Bahn. Unterwegs mit dem Zug der Rekorde von Golmud nach Lhasa durch tiefe Bergschluchten, über den Permafrostboden der Chang-Tang-Steppe und zahlreiche Bergpässe. Das Dach der Welt zwischen Tradition und Moderne.

Kurz oberhalb der Stelle, wo der Lhasa-Fluss in den mächtigen Brahmaputra mündet, haben die Chinesen eine neue Brücke gebaut. Nichts Besonderes, und doch wird sie von Militärs bewacht, sie zu fotografieren ist wohl aus Angst vor Anschlägen verboten. „Also weg mit den Kameras“, sagt unser chinesischer Führer. Li ist 38 Jahre alt, sieht mit seinen Ohrringen und dem zum Zopf gebundenen schwarzen Haar aus wie ein Freak, politisch aber ist er linientreu.

Es ist der zweite Tag seit unserer Ankunft in der Königsstadt Lhasa, die von 1645 an fast drei Jahrhunderte Sitz der Dalai Lamas war, bis China 1951 deren weltliche Herrschaft beendete und Tibet als autonomes Gebiet „integrierte“ – was bis heute politisch umstritten ist.

Wir sind auf dem Weg zum Yamdrok-See, einem der drei heiligen Seen Tibets, 4 400 Meter hoch gelegen. Eine erst vor kurzem gebaute Passstraße führt durch die karge Berglandschaft des nördlichen Himalayas, vorbei am Yamdrok-Pumpspeicher-Kraftwerk, einem der höchstgelegenen Kraftwerke der Welt, das Lhasa mit Energie versorgt. Es ist Winter, und die zahlreichen kleinen Sturzbäche, die im Sommer vom Gebirge in den See fließen, sind versiegt oder liegen im Sonnenlicht, das in der dünnen Luft fast überirdisch schimmert, wie mitten in der Bewegung erstarrt da.

Wir ringen mit den überwältigenden Eindrücken – und um Luft. Drei Tage braucht man, sagt Li, um die Höhenkrankheit zu überwinden, die fast jeden erwischt, der sich hierher wagt. Selbst das von vier Gebirgszügen eingeschlossene Lhasa liegt noch 3 500 Meter über dem Meeresspiegel.

Doch Kopfschmerzen und Atemnot sind nichts gegen den Kulturschock gleich bei der Ankunft: Fast nichts erinnert im heutigen Lhasa mehr an die alte Mönchsstadt. Betonklötze mit Kunststoffverglasung sind an die Stelle der historischen Häuser getreten. Lhasa hat sich in eine moderne Stadt verwandelt, mit vielen chinesischen Übersiedlern. Kaum ein Geschäft, kaum ein Restaurant scheint nicht in chinesischer Hand zu sein.

Nur der Bereich um den heiligen Jokhang-Tempel, der Legende nach im Jahr 639 erbaut und mit den Klosteranlagen über 21 000 qm groß, erstrahlt in alter, heller Pracht. Für gläubige Tibeter hat er eine ähnliche Bedeutung wie die Kaaba in Mekka für den Islam.

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