Unter Tage gibt es keine Krankenwagen
Magie der Finsternis

Höhlen sind ein Abenteuer-Spielplatz für Erwachsene – und nichts für Angsthasen.

Der Puls pocht laut in den Ohren. Dampfender Atem wirbelt im Licht der Helmlampe. Die niedrige Felsdecke presst auf den Rücken, die Brust drückt sich in kantiges Geröll. Arme und Beine können sich kaum noch rühren. Rundum Stein.

Tausende von Tonnen trennen den engen Spalt von der Erdoberfläche. Das Herz pumpt wie ein Blasebalg. Voraus nur ein Loch, kaum größer als der Kopf. Nicht dran denken! Lieber darauf konzentrieren, dass Annette, die 26-jährige Lehrerin, eben in dem Trichter verschwunden ist. Weiterkriechen. Zentimeter für Zentimeter tiefer in den Fels. Das Herz hämmert. Es ist gut, die Stimme auf der anderen Seite zu hören, ihren Hall in einem weiten Raum.

Es riecht frisch, salzig, mineralisch. Helle Schleier ragen von der Decke, etwas wie ein wogender Vorhang, an dem funkelnde Tropfen hängen. Es ist groß. Es ist still. Es ist schön. Und es ist gut, jemanden zu haben, dem man vertraut. Denn die Höhle ist einer der letzten Abenteuerspielplätze für Erwachsene. Und dort zu klettern kein Sport für Angsthasen.

Später, an einem steilen Felsvorsprung über einer dunklen Kluft mitten im Berg, zeigen Annette und Lothar, der Diplomingenieur, wie man sich abseilt. Das Gurtzeug um Oberschenkel und Brustkorb verschnürt den Körper wie ein Paket. Komplizierte Aluminiumklemmen verbinden ihn mit dem Seil in die Tiefe. Es braucht Vertrauen, sich auf das Wort eines anderen an diesem fingerdicken Strick über den Abgrund zu schwingen. Senkrecht an einer Felswand entlangschweben macht Spaß. Dann ist das erste Seil zu Ende. Das nächste baumelt einen Meter daneben. Umsteigen. Klemmen und Sicherungsseil im huschenden Helmlicht lösen und wieder einhaken. Wer in der Aufregung den falschen Karabiner öffnet, stürzt hart. Unter Tage gibt es keine Krankenwagen.

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