Vor zehn Jahren
Wie Wowereits Coming-Out den Schwulen und Lesben half

„Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“ Ein Satz mit Kult-Status, der zum geflügelten Wort geworden ist. Zehn Jahre ist das Coming-Out von Klaus Wowereit am 10. Juni her - ein Befreiungsschlag für Schwule und Lesben.
  • 0


BerlinLiebe und Liberalität liegen in der Luft im Sommer 2001. Alles scheint möglich - und die Sonne rosarot. Erst macht am 10. Juni Klaus Wowereit mit seinem Ausspruch „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ auf sich aufmerksam, dann tritt am 1. August die sogenannte Homo-Ehe in Kraft. Zehn Jahre ist dieser „schwule Sommer“ nun her. Sein Ende kam jäh. Plötzlich - am 11. September - scheint die Zeit vorüber für warme Worte, Gesten und Gesetze. Angriff auf die USA, Krieg gegen den Terror. Sogenannte weiche Themen müssen in schwerer Zeit weichen. Wirkt der Sommer 2001 trotzdem bis heute nach?

„Er war ja nicht irgendein Politiker, sondern einer, der noch was werden wollte, und unmittelbar vor der Wahl stand“, sagt Martin Munz, Vorsitzender beim Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) über das damalige Echo auf den SPD-Politiker Wowereit, der bis heute Regierender Bürgermeister von Berlin ist, und der in diesem Herbst wiedergewählt werden will.

„Seine Offenheit wurde belohnt, weil erfreulich viele Heterosexuelle sein Coming-out als Fortschritt und Ausdruck neuer deutscher Lockerheit empfunden haben“, meint Munz. „Es war das Signal für viele Homosexuelle, dass die Zeit des Versteckens - zumindest in den Großstädten - endgültig vorbei sein konnte.“

In seiner Autobiografie „...und das ist auch gut so“ schreibt Wowereit: „Ich war erleichtert, hatte aber keine Ahnung, was passieren würde (...) Es brach ein Orkan los, den ich mir in meinen wildesten Träumen nicht hätte ausmalen können (...) Das Beste aber war: Alle überschlugen sich vor Nettigkeit. Ich hatte Mut bewiesen und die Sympathien auf meine Seite gezogen.“

Munz vom BLSJ, der mit seinem Mann in Hamburg lebt, ergänzt: „Wir warten immer noch auf die Spitzenpolitikerin, die sagt: „Ich bin lesbisch, und das ist auch gut so.“ Das steht uns noch bevor.“

Seit gut zehn Jahren untersucht ein Team an der Universität Bielefeld die Vorurteile der Deutschen gegenüber bestimmten Menschengruppen, darunter Juden, Migranten und eben auch Homosexuelle. Nach der neuesten Befragung von 2010 finden 16 Prozent der Deutschen Homosexualität „unmoralisch“.

Das Nein zur „Homo-Ehe“ ist auf einem Tiefstand: Aktuell hat genau ein Viertel der Befragten etwas dagegen, dass Schwule und Lesben (sowas ähnliches wie) heiraten dürfen. 2002 vertraten noch gut 40 Prozent diese Meinung. Die Aussage „Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“ bejahten 2010 immerhin 26 Prozent, 2002 waren es noch gut 33 Prozent.

Seite 1:

Wie Wowereits Coming-Out den Schwulen und Lesben half

Seite 2:

Wo noch Homophobie droht

Kommentare zu " Vor zehn Jahren: Wie Wowereits Coming-Out den Schwulen und Lesben half"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%