Wetzlar
Werthers Leid, Leicas Freud

Wetzlar war fast 100 Jahre lang Sitz des Reichskammergerichts. Jetzt ist die Stadt an der Lahn Austragungsort der Handball-WM – sowie ein Ziel für stilgeschichtliche Spurensucher, für Goethe-Fans und Industriehistoriker.

WETZLAR. Wenn Sie schon immer wissen wollten, welche Verbindung zwischen Tunesien, Grönland, Kuwait, Slowenien und dem mittelhessischen Wetzlar besteht, dann waren Sie gewiss am vergangenen Wochenende in der Wetzlarer Rittal-Arena. Dort wurden entsprechende Vorrundenspiele der Handballweltmeisterschaft ausgetragen – auch als Reverenz vor der Handball-Hochburg an der Lahn.

Von der zeitgenössischen Großhalle zwischen Bahnhof und Fußgängerzone sind gerade mal zehn Minuten Fußweg zu absolvieren, um in die Altstadt Wetzlars zu gelangen. Die „Alte Lahnbrücke“, aus hellem Feldstein gemauert, führt über den Fluss an der Franziskanerkirche vorbei, in der heute eine Musikschule untergebracht ist, worauf auch die Schüler mit geschulterten Geigen- und Gitarrenfutteralen hindeuten, die uns auf ihren Fahrrädern passieren.

Träge, fast reglos dümpelt die Lahn. Einzig ein paar Enten lassen die Oberfläche unter der Uferböschung kräuseln, welche die Colchester-Anlage begrenzt, ein beliebtes Ziel für Freizeitsportler, Hundehalter und Spaziergänger.

Jenseits des Ufers scheinen sich die Häuser der Altstadt ineinander verkeilt zu haben, so eng ist die Bebauung, in der Fachwerk und Putz, Schiefer und Backstein zunächst ein etwas unharmonisches Ensemble bilden, bis wir in den schönen Altstadtkern gelangen mit meist schmalen Fachwerkhäusern, die manchmal nur zwei Fenster und eine Haustür breit sind und sich im Lauf der Zeit gekrümmt haben. Holz arbeitet sichtlich und schenkt damit den hübschen Wohnhäusern, Kneipen und Läden der Stadt einen besonderen Charme.

Die Häuser am „Brodschirm“, vor denen im Mittelalter das Brot verkauft wurde, erzählen davon – wenn auch nicht immer zum Wohlgefallen der Ladenbesitzer. Gegenüber dem ältesten Fachwerkhaus der Stadt (1356) hat ein Geschäftsmann das Handtuch geworfen, um in eine verkehrsgünstigere Stadtlage auszuweichen. „Endlich kein Politessenstress“, steht auf der Umzugsbotschaft.

Nicht alle Wege der Kernstadt führen zum Dom, aber von allen Wegen und Gassen aus ist er zu sehen. Der eigenartige Turm des Wetzlarer Doms reckt sich über den Domplatz, wo mittwochs und samstags nach alter Tradition die Markttage abgehalten werden. Die Besonderheit des Wetzlarer Wahrzeichens liegt in seiner Uneinheitlichkeit, seinem vielgestaltigen Stilmischmasch, der mit dem äußerst mühsamen Baufortschritt des Doms zu tun hat. Er geriet immer mal wieder ins Stocken, weil es an den Finanzen fehlte.

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