Wie sich Neuseeland von einem Tramperziel zu einem Tummelplatz für Reiche und Filmstars gewandelt hat
Ruhe, Luxus, Sauvignon

Wharekauhau ist einer jener seltenen Orte auf der Welt, wo die Elite in der Badehose ausspannen kann, ohne Angst haben zu müssen, von den Tele-Objektiven der Paparazzi abgeschossen zu werden. Wharekauhau liegt in Neuseeland. Und Neuseeland hat sich von einem Tramperziel zu einem Tummelplatz für Reiche und Filmstars gewandelt.

Der Pfad ist eine Herausforderung auch für die besten Stoßdämpfer. Tiefe Löcher sind im steinigen Belag, Pfützen voll trüben Wassers, spitze Kiesel, Schlamm und immer mal wieder ein Schaf, das in Panik davonrennt. Hinter einer sattgrünen Wiese donnern die Wellen des Pazifiks auf den Sandstrand. Neuseeland, Südostküste, nächster Halt Antarktis. Wir fühlen uns nicht nur so, wir sind tatsächlich am Ende der Welt. Und genau diese Abgeschiedenheit mag Nicole. Nicole Kidman.

Nein, er könne weder bestätigen noch dementieren, dass der Filmstar je bei ihm im Toyota gesessen habe, sagt Joe Hougham. Der freundliche Bauer ist der wohl diskreteste Mann in Neuseeland. Seit 1956 arbeitet er auf der Farm von Wharekauhau Country Estate - lange bevor die etwa 2000 Hektar große Anlage zu einer noblen Freizeitanlage wurde, zu einem Tummelplatz für Filmstars, Industriekapitäne und Präsidenten. Nicht dass es Joe kümmerte, wen er über die saftigen Felder fährt und wem er das Grundstück zeigt. "Hier sind alle gleich", meint er. "Sie kommen zum Ausspannen."

Es erstaunt nicht, dass es Nicole Kidman (nicht bestätigt), Bill Clinton (auch nicht) und der Mannschaft des Film-Epos "Herr der Ringe" (das weiß nun wirklich jeder) hier gefällt. Wharekauhau ist einer jener seltenen Orte auf der Welt, wo die Elite in der Badehose ausspannen kann, ohne Angst haben zu müssen, von den Tele-Objektiven der Paparazzi abgeschossen zu werden. Die meisten prominenten Besucher reisen im Hubschrauber aus der Hauptstadt Wellington an, die bloß sieben Minuten Flugzeit entfernt ist.

Das Landgut liegt direkt am Meer; eine Schotterstraße ist der einzige Landzugang. Die Sehr Wichtigen Personen bleiben in Wharekauhau unter sich und sitzen zum Cocktail auf der Veranda des Gehöfts. Beim Abendessen mit Hummer, Trüffeln und Rinderfilet wird über Golf, Geschäfte und natürlich über Wein geplaudert. 1450 verschiedene Sorten hat Wharekauhau im Keller. Die meisten aus Neuseeland.

Kaum bemerkt vom Rest der Welt, hat sich Neuseeland in den letzten Jahren zu einem Tummelplatz für Schöne und Reiche entwickelt, zu einem Ziel des Luxus, dezenter Eleganz und Lebenskunst. Während der Inselstaat vor kurzem noch in erster Linie als Paradies für Rucksack-Reisende, Wanderer und Abenteurer galt, so schaffte er sich rasch auch einen Ruf als Rückzugsgebiet für Reiche und Superreiche.

Mehrere Luxus-Lodges, in der Regel isoliert gelegene Fünfsterne-Hotels mit einer beschränkten Anzahl von Zimmern, bedienen einen wachsenden Markt wohlhabender Touristen aus aller Welt. Der neue Neuseeland-Reisende ist über 50 und fährt durch die Weinreben, um den neuesten Pinot Noir zu degustieren und an Lachsbrötchen zu knabbern.

Ganz neu ist der Trend zum Luxus zwar nicht. Vereinzelte Edel-Lodges gab es schon länger. Doch die Entwicklung hat sich deutlich verstärkt. Vertreter des neuseeländischen Tourismus sehen dafür zwei Ursachen: Osama Bin Laden und den "Herrn der Ringe".

Die Angst vor Terroranschlägen hat vor allem reiche Amerikaner dazu gebracht, nach Alternativen zu Honolulu und Paris Ausschau zu halten. Wo ist man schon sicherer vor Selbstmordattentätern als auf einer Schafweide am Ende der Welt? Wie schön es dort ist, sahen Millionen Kinogänger in dem Film "Herr der Ringe", der in Neuseeland gedreht wurde.

In vielen Gegenden des Landes kauften vermögende Amerikaner, Briten und Australier riesige Landsitze auf. Das hat zu einer deutlichen Verteuerung der Grundstückspreise geführt. In weiten Regionen Neuseelands ist es Einheimischen kaum noch möglich, Land- oder Wohneigentum zu erwerben.

Trotz dieser unangenehmen Begleit-Erscheinung profitiert das Land von der wachsenden Zahl wohlhabender Besucher aus Übersee, die Qualität fordern und bereit sind, dafür zu bezahlen. Nirgendwo ist das so offensichtlich wie in der Gastronomie. Viele Regionen sind durch eine Konzentration auf die Herstellung von qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln und Wein buchstäblich vor dem Untergang gerettet worden, während die traditionelle Landwirtschaft ihre Bedeutung an der Spitze der neuseeländischen Wirtschaft verloren hat.

Das gilt auch für Wairarapa, die Region nördlich von Wellington, in der auch Wharekauhau liegt. Fast über Nacht haben sich ausgestorbene Dörfer zu Ausflugszielen für Gourmets und Weinliebhaber gemausert. In Greytown etwa, rund zwei Stunden nördlich der Hauptstadt, waren noch vor kurzem "Fish and Chips" Höhepunkte gastronomischen Genusses. Heute muss man im Voraus buchen, wenn man im Edelrestaurant Wakelin House in Greytown essen will.

"Neuseeland ist in einer hervorragenden Position", meint Chefkoch Gerald Brown. "Wir haben einige der frischesten Produkte auf dem Globus". Ob Fleisch, Fisch, Gemüse oder Safran: Fast alles produziert Neuseeland heute selbst. "Und das in einer Qualität, die der traditioneller Fleischproduzenten in nichts nachsteht."

Sehr oft sind es die mit Millionenabfindungen ausgestatteten frühpensionierten Neuankömmlinge, die ihr Geld in landwirtschaftliche Nischenbetriebe stecken - oder exklusive Hotels.

"Bis vor zehn Jahren gab es hier keine anständige Unterkunft", meint Mike Laven, Besitzer des luxuriösen Martinborough Hotels im gleichnamigen Städtchen. "Und keine Trinkkultur. Noch vor nicht allzu langer Zeit schlossen auch die Pubs um 18 Uhr. Das bedeutete, dass man um 17.30 Uhr so viel Bier wie möglich in sich reinschüttete und dann stockbetrunken auf die Straße fiel."

Seither ist der Suff dem Genuss gewichen. Martinborough ist umgeben von Tausenden von Weinreben. Wein ist die andere Erfolgsgeschichte der neuseeländischen Wirtschaft, wie Jeremy McKenzie erklärt, Chefönologe von Allan Scott Wines im Gebiet von Marlborough im Norden der neuseeländischen Südinsel. Auf 60 Hektar produziert der 29-Jährige Gewürztraminer, Riesling, Merlot - und natürlich Sauvignon Blanc, für den die Region bekannt ist. Neuseeländische Spitzenweine sind derart beliebt, dass sie oft schon verkauft sind, bevor sie in die Flasche kommen.

Es ist Morgen, und über der Bay of Many Coves im Marlborough Sund geht die Sonne auf. Im kristallklaren Wasser spiegeln sich die Gipfel der Queen-Charlotte-Gebirgskette. Immer wieder durchbricht die Rückenflosse eines Delfins die Wasseroberfläche. Das Resort Bay of Many Coves ist eine Ansammlung luxuriös eingerichteter Kabinen, die ins Unterholz dieses abgelegenen Teils des Nordens der Südinsel gebaut wurden. Die einzigen Geräusche sind das Plätschern des Wassers am Strand und das Brutzeln der Spiegeleier in der Bratpfanne. Hier nimmt es sogar die Köchin gelassen.

Bay of Many Coves, etwa 40 Minuten Bootsfahrt vom malerischen Fischerstädtchen Picton entfernt, zeigt das wirklich wertvollste Produkt, das Neuseeland zu bieten hat. Es ist nicht der Wein, es sind nicht die Nobelhotels, es ist nicht einmal unbedingt die einzigartige Natur. Es ist die Ruhe. In einer Welt voller Lärm und Unrast sind Ruhe und Stille zu einem begehrten Luxusprodukt geworden. Immer mehr Menschen sind bereit, dafür Geld auf den Tisch zu legen - viel Geld. Genau davon profitieren die Neuseeländer am Ende der Welt.

Urs Wälterlin
Urs Wälterlin
Handelsblatt / Korrespondent
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