Die Kanzlerin bei „Anne Will“
Angela Merkels „Politik des freundlichen Gesichts“

Angela Merkel war bei Anne Will zu Gast: In einer Endlosschleife schilderte die Bundeskanzlerin ihre Sicht auf die Flüchtlingskrise, betonte ihren Einsatzwillen und sprach von ihrer „verdammten Pflicht“.

BerlinFalls es jemand noch nicht gemerkt haben sollte: Die Programmänderung am Mittwochabend in der ARD machte sehr deutlich, dass die Lage in Deutschland zurzeit eine besondere ist. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sonst selten nur gut vorbereitete, rund 20-minütige Sommerinterviews zu aktuellen Themen-Cocktails gibt, war eine ganze Stunde lang Solo-Gast in einer Talkshow-Sonderausgabe.

Dafür durfte Gastgeberin Anne Will, die 2016 Günther Jauchs Sonntags-Sendeplatz wieder übernehmen wird und daher als wichtigste deutsche Talkerin gelten kann, im starren ARD-Programmschema von ihrem Spätabend-Sendeplatz schon mal auf die beste Übertragungszeit um 21.45 Uhr vorrücken. Und statt um einen Überblick über aktuelle Baustellen der Bundespolitik ging es nur um ein einziges Thema: „Die Kanzlerin in der Flüchtlingskrise - Können wir es wirklich schaffen, Frau Merkel?“

„Wir schaffen das“, lautete Merkels erster Satz, und der letzte lautete ungefähr auch so. Beinahe etwas atemlos brachte Merkel ihre bekannten Argumente vor: Wie gut die Kommunen arbeiten und wie viele Menschen über sich hinauswachsen würden. Dass es viele, aber „noch nicht genug“ europäische Mitstreiter für ihre Position gebe. Dass nun Probleme, die nicht im Inland liegen, sondern „in Europa und der Welt außerhalb Europas“, international gelöst werden müssten. Dass Deutschland „ein tolles Land“ sei, und dass es ja gar nicht ginge, zu sagen, wir schaffen das nicht.

Immer wieder benutzte sie - im blauen Blazer, den sie auch am Nachmittag in Straßburg getragen hatte - Begriffe wie „riesige Herausforderung“ und „historische Bewährungsprobe“. Immer wieder kehrten Formulierungen von der „außergewöhnlichen Situation“, die „politisch bewältigt“ werden müsse, indem „die Prozesse geordnet“ werden – so dass „wir wieder in eine Situation kommen, in der wir den nächsten Tag besser planen können“. Fast schien nach gut zehn Minuten alles gesagt. Jedenfalls schien das Studiopublikum in Berlin-Adlershof bemerkenswert still - als ob es den Atem anhalte.

Auffällig oft benutzte Merkel die erste Person Singular. „Ich denke den ganzen Tag darüber nach“, sagte sie etwa, und dass sie „mit aller Kraft, die ich habe“, an Lösungen arbeite. Anne Wills bemerkenswert alberne Zwischenfrage, ob die derzeit kolportierte Aussicht auf den Friedensnobelpreis sie beschäftigt, wischte die Kanzlerin mit Hinweis auf den „Hochdruck“, unter dem sie stehe, glaubhaft beiseite.

Moderatorin Will machte mit teils kecken, teils scharfen Fragen wie der, ob Merkel sich mit ihrem „Wir schaffen das!“ nicht die „eigene Falle gebuddelt“ hat, zunächst eine gute Figur. Sie charakterisierte die Merkel-Linie als „Politik des freundlichen Gesichts“.

Ob Merkel bereit sei, für die Flüchtlingskrise ihre Kanzlerschaft zu riskieren, lautete die schärfste Frage. Ja, antwortete die Kanzlerin - natürlich nicht so direkt. Sie betonte lieber erneut, wie sie „mit aller Kraft“ arbeite.

Im Verlauf der Sendung verlor Will an Prägnanz. Die Merkel-Aussage „Multikulti halte ich für eine Lebenslüge“ und ihre am Rande geäußerte Erwartung, aufgenommene Flüchtlinge sollten sich so, wie sie sich auf der Flucht für ihr Leben eingesetzt haben, dann auch für ihr Gastland einsetzen, hatten fast danach geschrien, konkretisiert zu werden. Aber Will fragte nicht nach.

Stattdessen wiederholte sie drei- bis viermal die bereits am Mittwochmorgen in allen Nachrichtenmedien durchdeklinierte (und von Merkel schon beim ersten Mal erwartungsgemäß beantwortete) Frage, ob Bundesinnenminister Thomas de Maizière entmachtet wurde.

Je länger der Solo-Talk dauerte und so wie Will an Form verlor und ihre Fragendramaturgie mehr an der geplanten Reihenfolge der Einspielfilme als am Gesprächsverlauf orientiert schien, gewann die Kanzlerin noch an Fahrt.

So bezeichnete Merkel beispielsweise die Türkei wiederholt als „Beitrittskandidat“, aber für einen EU-Beitritt des Landes plädiere sie derzeit nicht. Zwar gehe es „den Kurden nicht so gut in der Türkei“ (diese verniedlichende Merkel-Formulierung blieb unwidersprochen stehen). Aber als Regierungschefin sei es „meine verdammte Pflicht“, so Merkel, auch mit der Türkei zu sprechen: „Ich kann doch nicht mit der halben Welt nicht mehr reden, nur weil man 'ne Meinungsverschiedenheit hat.“

Fazit: Anne Wills Talkshow bot der Kanzlerin mit zunehmender Dauer eine umso bessere Plattform, ihre kommunikativen Stärken auszuspielen, ihren beharrlichen Einsatzwillen zu betonen und für ihre „Politik des freundlichen Gesichts“ zu werben. In großen Bögen erinnerte sie nicht nur einmal daran, wie ihr früher etwas vorgeworfen wurde, dessen Gegenteil ihr inzwischen vorgeworfen wird. Also sei Merkels Mittelweg der richtige - diese implizite Argumentation der Kanzlerin dürfte durchaus viele ihrer Sympathisanten überzeugt haben.

Wer nicht oder nicht mehr Merkels Meinung ist, dürfte davon nicht überzeugt worden sein, aber für seine Sicht ebenfalls Argumente gefunden haben. Wie sich das Gespräch im Kreis drehte, war jedenfalls aufschlussreich. Zur Meinungsbildung beigetragen, wie es der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist, hat diese Talkshowausgabe.

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