ESC 2015

Ein Quantum Trost

Die Niederlage beim Eurovision Song Contest von Deutschland und Österreich ist keine kulturelle Katastrophe, sondern Künstlerpech. Die schlichte Wahrheit lautet: Beide Länder haben nicht den Zeitgeist getroffen.
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Enttäuschung nach der Nullnummer: Ann Sophie nach der Punktevergabe beim Eurovision Song Contest. Quelle: dpa
Ann Sophie beim ESC

Enttäuschung nach der Nullnummer: Ann Sophie nach der Punktevergabe beim Eurovision Song Contest.

(Foto: dpa)

WienDer Eurovision Song Contest war für Deutschland und Österreich wie das Wetter am Austragsort Wien eine Pleite. Die Hamburgerin Ann Sophie holte für Deutschland null Punkte. Das passierte der Bundesrepublik zuletzt vor einem halben Jahrhundert. Und die Alpenrepublik? In der selbst ernannten Welthauptstadt der Musik fühlt man sich durch die „zero points“ für das Trio Makemakes blamiert. Schließlich hatte die österreichische Bart-Dragqueen Conchita Wurst mit ihrer Ballade „Rise Like A Phoenix“ im vergangenen Jahr noch den Sieg geholt. Dass ausgerechnet Deutschland und Österreich mit den letzten Plätzen vorlieb nehmen mussten, damit hatten selbst die größten Pessimisten nicht gerechnet.

In der Wiener Stadthalle wurde Ann Sophie bei Semifinale und Finale mit ihrem Song „Blake Smoke“ durchaus begeistert aufgenommen. Doch die 8000 Gäste im Auditorium sind eben kein Maßstab für die Juroren und den Publikumsgeschmack zwischen Ural und Gibraltar.

Ein Abend mit spektakulären Auftritten
Der Gewinner ist... Schweden!
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Der schwedische Popsänger Måns Zelmerlöw hat mit seinem Lied „Heroes“ den diesjährigen Eurovision Song Contest gewonnen. Er setzte sich bei der 60. Auflage des Musikwettbewerbs in der Nacht zum Sonntag in Wien vor Russland und Italien durch. Schweden ist seit jeher eines der erfolgreichsten Länder beim Song Contest. Vor 41 Jahren hatte unter anderen die Erfolgsgruppe Abba 1974 mit „Waterloo“ gewonnen und so ihre Weltkarriere gestartet.

Russland - Platz zwei
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Schon als die ersten Ergebnisse von Moderatoren aus den insgesamt 40 teilnehmenden Ländern eingingen, zeichnete sich ein Zweikampf zwischen dem schwedischen ESC-Gewinner und Polina Gagarina („A Million Voices“) ab. Je mehr Punkte vergeben worden waren, desto deutlicher wurde allerdings Zelmerlöws Vorsprung. Am Ende erreichte die schöne Russin 62 Punkte weniger als der Erstplatzierte.

Italien belegt Platz drei
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Worüber singen die Italiener? „Grande Amore“ natürlich. Hinter dem Trio, das anfangs „I tre tenorini“ (deutsch: Die drei Tenörchen) hieß, steht der Produzent von Andrea Bocelli, was man stark heraushört. Noch nie hat beim ESC eine Klassiknummer triumphiert, erinnert ARD-Kommentator Peter Urban.

Bittere Null Punkte
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Die deutsche Starterin beim Eurovision Song Contest (ESC), Ann Sophie, will sich von ihrem letzten Platz mit null Punkten nicht entmutigen lassen. "Ich werde weiter machen", sagte die 24-Jährige in der Nacht zum Sonntag vor Journalisten in Wien. Sie habe sich durch ihre Teilnahme eine tolle Fanbasis aufgebaut, was für sie als Künstlerin eine große Chance sei.

Monika Kuszynska - Polen
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Ein außergewöhnlicher Auftritt: Die Polin Monika Kuszynska sitzt bei ihrer Performance im Rollstuhl. Die Sängerin erlitt vor neun Jahren bei einem Unfall eine Wirbelsäulenverletzung, seitdem kann sie nicht mehr laufen. Sie sagte: „Es geht hier nicht um den Sieg, sondern darum, ein Tabu zu brechen, dass die Teilung von Menschen in Gesunde und Behinderte etwas Künstliches ist, das niemandem nutzt“.

Vorjahressiegerin Conchita Wurst
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Im Vorjahr hatte die bärtige Dragqueen Conchita Wurst den Musikwettbewerb gewonnen und so in ihr Heimatland geholt. Wurst übernahm in Wien die Co-Moderation der Sendung - und kritisierte die gelegentlichen Buhrufe für den russischen Beitrag, die offensichtlich vom Vorgehen Russlands in der Ukraine-Krise herrührten.

Moderation
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Neben Conchita Wurst führten die drei Moderatorinnen Arabella Kiesbauer (46), Alice Tumler (36) und Mirjam Weichselbraun (33) kühl-charmant durch die Gala. Bei der Punktevergabe gab es Pannen bei Schalten, etwa nach Portugal, die dann später nachgeholt werden mussten.

Die schlichte Wahrheit lautet: Diesmal hat weder Deutschland noch Österreich den Zeitgeist in Europa getroffen. Trotz des eindeutigen Votums aus 40 Ländern legte Ann Sophie einen professionellen Auftritt hin. Sie hat in Wien eine gute Bühnenshow präsentiert, die der von Konkurrenten in nichts nachgestanden hat. Vielleicht alles ein wenig zu brav und solide? So genau wusste das niemand vorher.

Auch an der mangelnden Unterstützung seitens der ARD für die Sängerin mit ihrem soliden Song lag es nicht. Nicht jedes Mal kann ein ESC-Fieber ausbrechen. In Deutschland ist eben seit Lena Meyer-Landrut, die auch von Stefan Raab und Pro Sieben Sat 1 damals geschickt promotet wurde, die Euphorie vorbei. Das zeigt sich auch an den Quoten: Nur 8,11 Millionen sahen die Übertragung im Ersten. Das war nicht nur schlechter als viele „Tatorte“, sondern auch die schlechteste Zuschauerquote seit sechs Jahren. Zum Vergleich: Lena brachte es auf fast 15 Millionen Zuschauer bei ihrem Sieg mit „Satellite“ im Jahr 2010 in Oslo.

Zur Tragik gehört auch, dass Ann Sophie beim deutschen Vorentscheid als Zweitplatzierte nach Wien gefahren ist. Der Rückzieher der eigentlichen Siegers Andreas Kümmert erscheint nun nach dem letzten Platz seiner Konkurrentin wie ein großartiger Schachzug. Dennoch hat es Ann Sophie mit erstaunlichen Humor und großer Selbstsicherheit geschafft, die Niederlage wegzustecken. Dafür gebührt ihr Respekt.

Bei der Stimmenabgabe beim Song Contest hat sich wieder einmal gezeigt, wie sehr regionale Sympathien oder, besser gesagt, das kulturelle Zusammengehörigkeitsgefühl ausschlagend sind. Ein besonders gutes Beispiel ist dabei das Stimmverhalten in Osteuropa, insbesondere auf dem Balkan. Da lassen die Juroren und Zuschauer beim Voting nichts anbrennen. Diese Unterstützung fehlt in Mitteleuropa. Das spürten nicht nur Deutschland und Österreich, sondern auch andere Länder wie Frankreich.

Die Eurovision Song Contest ist eben auch eine Tombola des Zeitgeschmacks. Es gehört auch ein Quantum Glück mit der richtigen Melodie, einer raffinierten Bühnenshow und einer extravaganten Lichtinszenierung den Massengeschmack zu treffen. Die null Punkte für Deutschland und Österreich sind daher keine kulturelle Katastrophe, sondern eben nur Künstlerpech. C’est la vie.

 

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