Ein ESC-Desaster mit Ansage

Eurovision Song Contest
Was Deutschland aus dem Desaster lernen kann

Die Schlappe für Deutschland beim ESC lehrt: austauschbare Fast-Food-Musik führt in die Niederlage. Der Sieger aus Portugal, Salvador Sobral, zeigt: weniger ist mehr. Selten waren sich Jury und Publikum so einig.
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WienViel schlimmer hätte es für Deutschland bei Eurovision Song Contest (ESC) in Kiew nicht kommen können. Die 26-jährige Levina, die von der ARD in den Himmel gehobene Sängerin, ist nur haarscharf am letzten Platz vorbeigeschrammt. Mit ihrem kühl-eleganten inszenierten Allerweltsong „Perfect Life“ kam die gebürtige Bonnerin auf den vorletzten Platz. Eine Blamage.

Levina bescherte den deutschen Fans einen depressiven Samstagabend. Denn Land um Land gab es von der Jury keinen einzigen Punkt für in Berlin und London lebende Unterhaltungskünstlerin. Erst die Nummer 30 in der langen Länderliste, Irland, vergab an Deutschland endlich die ersten drei Punkte. Eine Erlösung. Mit dem Publikumsvotum wurden es am Ende schlappe sechs Punkte. Nur der schlecht gesunkene Gute-Laune-Song der Spanier schnitt mit fünf Punkten noch katastrophaler ab.

Während der altgediente ARD-Kommentator Peter Urban noch fassungslos faselte: „Ich weiß auch nicht, woran es liegt“, gab der sympathische Sieger des Abends längst die Antwort. „Wir leben in einer Welt völlig austauschbarer Musik - Fast-Food-Musik ohne jeden Inhalt. Dies könnte ein Sieg für die Musik sein, für Leute, die Musik machen, die noch etwas zu sagen hat. Musik ist kein Feuerwerk. Musik ist Gefühl. Lasst uns versuchen, etwas zu ändern und die Musik zurückzubringen. Das ist das Entscheidende“, sagte Salvador Sobral aus Portugal nach seinem fulminanten Sieg. Sowohl die Fachjury als auch das Publikum verzauberte er mit der von seiner Schwester Luísa komponierten, unaufgeregten Jazzballade „Amar Pelos Dois“ (Liebe für zwei) – ganz ohne Funkenregen und sonstigen Glitzerkram. „Ich habe nie ein Lied geschrieben, um im Radio gespielt zu werden“, sagt der 27-jährige Sobral. Stolze 758 Punkte gewann das Geschwisterpaar am Ende. Portugal holte damit zum ersten Mal in der 53-jährigen Geschichte des ESC die begehrte Trophäe.

Die Bilanz der deutschen Interpreten gleicht in den vergangenen Jahren eine Katastrophe für den größten Musikmarkt in Europa. Seit dem legendären Sieg von Lena mit „Satellite“ im Jahr 2010, eine von kongenialen Entertainment-Experten Stefan Raab aufgebaute Künstlerin, ist die Bilanz schlichtweg zum Heulen. Im vergangenen Jahr landete Jamie-Lee mit „Ghost“ auf dem letzten Platz - mit elf Punkten. 2015 in Wien erhielt Ann-Sophie mit dem Allerweltlied „Black Smoke“ nicht einmal einen einzigen Punkt und wurde ebenfalls Letzte.

Portugal hat es vorgemacht, auch im 21. Jahrhundert kann ein vergleichsweise einfaches, bescheiden vorgetragenes Lied voller Poesie und Magie ein Millionenpublikum zwischen Gibraltar und Kaukasus begeistern. Das ist die gute Nachricht aus Kiew und eine Ermahnung an den Dauerverlierer.

Deutschland hat in den vergangenen Jahren viel zu viel musikalischen Fast Food beim ESC abgeliefert und dafür Jahr für Jahr die Quittung erhalten. Weiteres Achselzucken hilft nicht weiter. Das dritte miserable Abschneiden in Folge muss zu Konsequenzen bei der Vorauswahl führen. Das ist keine leichte Aufgabe für den innerhalb der ARD zuständigen NDR. Doch ein „Weiter so“ darf es nicht geben.

Das gilt auf für die unkritische und belanglose Moderation von Peter Urban. Wie schlecht sich der 69-Jährige auf seine Moderatorenaufgabe in Kiew vorbereitet hatte, zeigte sich bei der Schalte nach Jerusalem. Als der dortige Moderator vor der Punktevergabe gegen die Schließung des langgedienten Rundfunkanstalt IBA protestierte, war der NDR-Experte überfordert. Er war offensichtlich nicht über den politischen Streit um den israelischen Sender, der den Song-Contest über Jahrzehnte übertragen hat, im Bild.

Auch die politische Bedeutung des Sängerwettstreits für die Ukraine, ein Land in dessen Ostteil ein blutiger Bürgerkrieg tobt, ließ der NDR-Plauderer viel zu kurz kommen. Schließlich hatte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko kurzfristig seinen Besuch bei der größten Musikshow der Welt wegen der erneut bluten Gewalt im Ostteil des Landes abgesagt. Wenn ein Song-Contest zudem mit dem Slogan „Celebrite Diversity“ antritt und eine russische Sängerin aus fadenscheinigen politischen Motiven die Einreise verweigert, muss das stärker thematisiert werden. Denn solche nationalistische Entscheidung eines Austragungslandes machen den völkerverbindenden Auftrag des ESC zur medialen Farce.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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