Filmkritik Edward Snowden: Das vergebliche Warten auf Obama

Filmkritik Edward Snowden
Lehrjahre eines Patrioten

Das vergebliche Warten auf Obama

Das ist das zugleich Faszinierende und Traurige an „Snowden“. PRISM, XKEYSCORE und all die anderen Spähprogramme – sie existieren tatsächlich. Im Film taucht auch US-Präsident Barack Obama mehrfach auf. Als er gewählt wird, repräsentiert Amerikas erster schwarzer Präsident für Snowden eine große Hoffnung. Es ist 2008, Snowden hat schon viel von dem Schlimmsten gesehen, wozu sein Arbeitgeber fähig ist. Obamas Slogan war „Hope and Change“ – Hoffnung und Wandel. Es war das, wonach Snowden sich inzwischen sehnte.

Doch Snowden wartete vergeblich – eine Erfahrung, die er mit seinem Regisseur gemein hat. „Obama war auch für mich eine große Enttäuschung“, sagt Stone. „Ich bin sicher, er ist kein schlechter Mensch. Aber er hat kein Rückgrat. Alles, was vorher Bush gemacht hat, hat Obama weitergemacht.“

Und so treibt Edward Snowden in Stones Film immer weiter zu auf den Punkt ohne Wiederkehr. Er kopiert streng geheime Daten. Er findet einen Weg, sie aus dem Hochsicherheitstrakt in Hawaii zu schmuggeln. Er verabschiedet sich von seiner Freundin Lindsay und fliegt nach Hongkong, wo er sich mit Journalisten treffen wird. All das erzählt Stones Film mit viel Schwung und Geschick.

Gegen Ende der Geschichte passt die ganze Dramatik von Snowdens Flucht nicht mehr in den Film hinein. Eine krasse Fehleinschätzung seiner Lage zwingt Snowden dazu, Hals über Kopf aus seinem Hotel in Hongkong zu flüchten. Als Retter erscheint plötzlich der Menschenrechtsanwalt Robert Tibbo (gespielt von Ben Chaplin). Er lotst Snowden aus dem Hotel und bringt ihn bei Asylbewerbern in Hongkong unter. Zwölf Tage lang versteckte sich der Amerikaner bei Flüchtlingen aus Sri Lanka und den Philippinen. Für dieses besondere Drama im Snowden-Drama fand der Regisseur keine Zeit.

Wer diese Einzelheiten nicht kennt, wird sie im Film nicht vermissen. Stone ist ein großer Erzähler. Man muss kein Fan von Edward Snowden sein, um sich von seiner Geschichte mitreißen zu lassen. Dass es Stone zum Abschluss der zerstörten Karriere des Amerikaners sogar gelingt, einen zugleich überraschenden wie hoffnungsvollen Ausblick zu setzen, ist seiner Kunst als Filmemacher geschuldet. Allein diese Pointe ist das Eintrittsgeld schon wert.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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