Hans Geißendörfer wird 75
Der Mann mit der „street credibility“

Mit 75 könnte man sich eigentlich guten Gewissens zurücklehnen und nichts tun. Doch Hans W. Geißendörfer ist beschäftigt wie eh und je – den Vater der „Lindenstraße“ lässt das Filmemachen nicht los.

KölnWie er da sitzt auf dem Sofa hinter den Kulissen der „Lindenstraße“, wirkt er so entspannt, als habe er alle Zeit der Welt: Filzpantoffeln, blaues Schaltuch und natürlich die obligatorische schwarze Strickmütze. Doch wenn Hans W. Geißendörfer erzählt, wird schnell klar: Er rastlos und voller Tatendrang. Das Nichtstun liegt ihm nicht. Dass er am Mittwoch 75 Jahre alt wird, bedeutet für den Regisseur vor allem eins: „Die Zeit wird kürzer, um all die Dinge zu tun, die ich noch tun will.“

Erst kürzlich war er in Barcelona, wo die jüngste seiner drei Töchter an einem Marathon teilgenommen hat. Zusammen mit seiner Frau will er bald zum dritten Mal in den Oman reisen - „die Wüste fasziniert uns“. Er pendelt zwischen seinen drei Wohnsitzen in Griechenland, Köln und England, wo das Ehepaar sich einen alten Pub am Kanal zum Wohnhaus umgebaut hat.

Darum hat sich hauptsächlich seine Frau gekümmert, mit der er seit 1978 verheiratet ist. Und wo fühlt der Weltenbummler sich Zuhause? Geißendörfer zuckt die Schultern: „Zuhause ist für mich überall, wo die Familie ist oder die Arbeit.“

Seine Arbeit, das Filmemachen, ist zugleich seine größte Leidenschaft und lässt ihn somit auch mit 75 nicht los. Der gebürtige Augsburger plant gerade einen neuen Fernsehfilm, ein Kinofilm ist in Vorbereitung und er kann sich auch vorstellen, einen zweiten „Tatort“ zu machen.

Und dann natürlich seine „Lindenstraße“. Auch nach mehr als 30 Jahren ist die ARD-Serie seiner Ansicht nach nicht auserzählt. „Früher hatte ich mal eine Zeit, da dachte ich, es gibt keine Themen mehr, es ist alles schon einmal vorgekommen. Aber dann habe ich kapiert, dass die Wiederholung der Alltag ist, den die „Lindenstraße“ ja zeigen will. Deshalb kann man immer wieder Geschichten erzählen, die an der Oberfläche neu sind, aber dasselbe Grundthema haben.“ Denn es gebe unzählige Varianten derselben Themen, sei es Liebe, Krankheit oder Tod.

Tabubrüche wie der erste Schwulen-Kuss, mit dem die „Lindenstraße“ einst für Aufruhr gesorgt hatte, seien angesichts der vielen Reality-Formate heute zwar kaum noch möglich. Geblieben ist aber die Mission, aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse zu thematisieren und dadurch vielleicht auch zu provozieren. „Wir haben zurzeit eine politische Landschaft, in der die „Lindenstraße“ als Unterhaltungssendung gefragt ist, kritisch Stellung zu beziehen“, betont Geißendörfer. „Wenn es also zum Beispiel auf Dauer eine starke rechtslastige Gegenbewegung im Parteiengefüge gibt, werden wir daraus einen Handlungsstrang machen und zeigen, wo das hinführen kann.“

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Geißendörfer bleibt der Boss

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