Krimis im Fernsehen Die Tatort-Republik

An diesem Sonntag hat das Warten ein Ende: Nach der Sommerpause gibt es einen neuen „Tatort“ aus der Schweiz. Das Krimi-Format scheint auch nach 45 Jahren unverwüstlich, trotzdem droht eine große Gefahr.
Simon Amstad (Antoine Monot Jr., l) und Karin Amstad (Sarah Hostettler, r.): Eine Szene der "Tatort"-Folge „Ihr werdet gerichtet“. Foto: Daniel Winkler/ARD Degeto/dpa Quelle: dpa
Tatort Schweiz

Simon Amstad (Antoine Monot Jr., l) und Karin Amstad (Sarah Hostettler, r.): Eine Szene der "Tatort"-Folge „Ihr werdet gerichtet“. Foto: Daniel Winkler/ARD Degeto/dpa

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BerlinDer ARD wird oft vorgeworfen, Geld falsch auszugeben. Der „Tatort“ dagegen ist sein Geld wert, trotzdem machen die Programmentscheider mit der Sommerpause alles richtig. Die Verknappung des Angebots an Premieren in der Krimireihe und die Wiederholungen an Hochsommer-Sonntagen steigern die Nachfrage. Umso gespannter wird an diesem Sonntagabend um 20.15 Uhr der Beginn der Herbst-„Saison“ erwartet. Den Auftakt macht der schweizerische Fall „Ihr werdet gerichtet“.

Dem Fernsehen wird heute gerne ein Lagerfeuer-Charakter zugeschrieben - vor allem vor dem Hintergrund, dass er allmählich verschwindet. Die sogenannte „große Samstagabendshow“ etwa ist spätestens mit dem „Wetten, dass...?“-Aus endgültig zu Grabe getragen worden. Ganz anders der „Tatort“: Die Erstausstrahlungen erreichen selbst in den 2010-er Jahren oft mehr als zwölf Millionen Zuschauer und Marktanteile von mehr als 30 Prozent, darunter viele jener jüngeren Zuschauer, die sonst selten bei ARD und ZDF vorbeizappen.

Sicher ist das weniger als wichtige Fußballspiele erreichen, aber die Krimireihe spielt verlässlich Sonntag für Sonntag in dieser Liga. Lagerfeuer stehen sprachbildlich eben nicht für besondere Einzelereignisse, sondern eher für echte Dauerbrenner.

Ende November wird das Konzept 45 Jahre alt und es scheint unverwüstlich: Es verträgt die oft als betulich und auch aus anderen Gründen kritisierten Ermittler Flückinger und Ritschard (Stefan Gubser und Delia Mayer) aus dem schweizerischen Luzern, die die Saison einläuten, ebenso wie die ostentativ albernen Kommissare aus Münster (Axel Prahl und Jan Josef Liefers) und den immer und überall polarisierenden Hamburger Kommissars-Darsteller Til Schweiger mit seinem noch alberneren Rollennamen „Nick Tschiller“.

So wie Schweiger Kino-Actionfilme imitiert – und im Februar 2016 mit einem von Warner Bros. verliehenen Kino-„Tatort“ wiederum an dessen Fernseherfolg anzuknüpfen versucht –, so imitiert der erheblich gediegenere Schauspieler Ulrich Tukur internationales Arthouse-Kino.

Der „Tatort“ verträgt auch viel Quatsch

Diese Stars gehen auf Streife
Heike Makatsch ermittelt in Freiburg
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Heike Makatsch wird ab 2016 als Ellen Berlinger in Freiburg ermitteln. Zurzeit ist jedoch nur ein einmaliges Special geplant.

Margarita Broich und Wolfram Koch ermitteln in Frankfurt
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Seit Mai 2015 hat Frankfurt ein neues Ermittlerteam: Die beiden Hauptkommissare Anna Janneke und Paul Brix, verkörpert von Margarita Broich und Wolfram Koch. Die beiden lösen den zuletzt allein ermittelnden Joachim Król und die schon 2013 abgetretene Nina Kunzendorf als Frank Steier und Conny Mey ab.

Die Kommissare Voss und Ringelhahn in Franken
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Die Schauspieler Dagmar Manzel als Hauptkommissarin Paula Ringelhahn und Fabian Hinrichs als Hauptkommissar Felix Voss. Einmal im Jahr ermitteln die beiden als ungleiches Paar im Hinterland von Unter-, Mittel- und Oberfranken.

Die Kommissare Nina Rubin und Robert Karow aus Berlin
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10,19 Millionen Zuschauer sahen den neuen „Tatort“ aus Berlin im Fernsehen, in dem die Hauptkommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) den Mord an einer Studentin im Drogenmilieu aufklären mussten.

Nicht mehr im Dienst: Ritter und Stark
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Das Berliner Vorgängerteam mit Dominic Raacke (links) und Boris Aljinovic hat sich nach 13 erfolgreichen „Tatort“-Jahren vom Publikum verabschiedet. Rund zehn Millionen Zuschauer sahen am 9. Februar 2014 die Episode„Großer schwarzer Vogel“ – für Ritter und Stark der 30. Fall.

Til Schweiger ermittelt in Hamburg
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Til Schweiger (rechts) war gemeinsam mit Kollege Fahri Yardim nun schon zweimal als Kriminalhauptkommissar Nick Tschiller im „Tatort“ unterwegs. In der dritten Folge wird sich ein prominentes Gesicht zu den beiden Ermittlern gesellen...

Helene Fischer wird im Tatort zu sehen sein
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... Schlagersängerin Helene Fischer wird in dem Film als „Leyla“ zu sehen sein. Seit dem 19. September wird in der Hansestadt und im Umland eine Doppelfolge unter der Regie von Christian Alvart gedreht (Arbeitstitel: „Schwarzer Ritter“ und „Fegefeuer“). Neben Til Schweiger und Fahri Yardim wird Helene Fischer im November an fünf Drehtagen ihre erste Rolle im „Tatort“ spielen.

Der Hamburger „Tatort“ erzählt in den vier Folgen „Willkommen in Hamburg“ (Erstsendung März 2013), „Kopfgeld“ (Erstsendung März 2014) sowie den beiden derzeit in Produktion befindlichen 90-minütigen Filmen eine zusammenhängende Geschichte, die im letzten Teil ihre Auflösung findet. Die Folgen drei und vier werden voraussichtlich im Herbst 2015 im Ersten ausgestrahlt.

„Im Schmerz geboren“ mit Tukur als Wiesbadener LKA-Ermittler übertrumpfte 2014 viele „Tatort“-Rekorde - bei Fernsehpreisen und beim Teletwittern, das die ARD zu jedem Sonntags-„Tatort“ über das viel ältere Medium Videotext auf den Fernsehbildschirm einbindet. Und beim „Body Count“, also der Anzahl der pro Folge erzeugten Leichen, wohl auch.

Andererseits gehören auch uralt anmutende Urgesteine zum „Tatort“-Portfolio. Die Münchener Kommissare ergrauen vor der Kamera. Und die Ludwigshafener Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) begann anno 1989 als jüngste Ermittlerin der Reihe.

Seinerzeit waren sogar Kommissarinnen noch recht außergewöhnlich im deutschen Fernsehen. Inzwischen ist sie die dienstälteste Ermittlerin. Zum Teil verkörpert der „Tatort“ sozusagen einen Sozialstaat, in dem Arbeitsverhältnisse eben (mindestens) bis zur Rente währen. Aber er verkörpert auch den Bundesstaat, schließlich bestand die geniale Ursprungsidee der Reihe darin, nicht immer aus einer pulsierenden Metropole zu erzählen, sondern aus vielen kleineren Orten, die zum Teil definitiv keine Metropolen sind. Und auch dieses Rezept funktioniert wie eh und je.

Mindestens so eifrig wie darüber, welche bekannten Schauspieler demnächst neue „Tatort“-Stars werden, diskutiert eine breite Öffentlichkeit darüber, an welchen Dreh- und damit „Tatorten“ das geschehen soll. Demnächst bekommen Dresden und Freiburg ihre „Tatorte“, auch wenn im Breisgau Heike Makatsch den offiziellen Angaben des SWR zufolge bloß ein einziges Mal ermitteln soll.

„Tatort-Special“ nennt der Sender den Ansatz, der im Licht des Reihen-Prinzips mit wiederkehrenden Ermittlern natürlich Quatsch ist. Aber der „Tatort“ verträgt auch viel Quatsch. Das hat etwa der MDR durch seine Weimarer „Tatorte“ mit Christian Ulmen und Nora Tschirner bewiesen.

Zunächst waren sie ebenfalls als „Special“ angekündigt. Nun sieht es aus, als könnte dieses Duo noch Jahre oder Jahrzehnte lang den Weihnachts-Sendeplatz bespielen.

Die größte Gefahr fürs Erfolgsrezept

Das Schweizer Tatort-Ermittlerteam: Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) und Kommissar Reto Flückiger. Foto: SRF/Daniel Winkler Quelle: dpa
Tatort-Team Luzern

Das Schweizer Tatort-Ermittlerteam: Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) und Kommissar Reto Flückiger. Foto: SRF/Daniel Winkler

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Die größte Gefahr fürs „Tatort“-Erfolgsrezept kommt aus den eigenen Reihen. Es ist die Inflation, die die ARD selbst und das ZDF anheizen. Nicht allein durch die Vielzahl von „Tatort“-Wiederholungen, die außer in der Sommerpause sonntags ohnehin an fast jedem Freitag in der ARD und regelmäßig in Dritten und den digitalen Programmen laufen. Auch nicht durch die Mediathek: Mit Recht ist die ARD stolz darauf, dass „Tatort“-Folgen millionenfach abgerufen wurden, also auf den Beweis, dass sie auch nichtlineares Fernsehen kann.

Doch fluten die öffentlich-rechtlichen Sender die Krimirepublik Deutschland überdies mit jeder Menge weiterer Regionalkrimis nach nahezu identischen Mustern. Die ZDF-Samstagskrimis, die häufig exakt 24 Stunden vor dem ARD-Sonntagskrimi laufen, spielen ebenfalls meist in der deutschen Region, zwischen Friesland („Friesland“) und Düsseldorf („Helen Dorn“), aber auch bereits in Dresden („Die Walensteins“) und natürlich Münster („Wilsberg“).

Ferner gibt es ARD-Donnerstagskrimi-Reihen an deutschen Schauplätzen („Der Usedom-Krimi“, „Mord in bester Gesellschaft“) und an internationalen, aber mit deutschen Darstellern und deutscher Dramaturgie („Kommissar Dupin“, „Mordkommission Istanbul“).

Und sowohl „Ostsee-Krimis“ als auch „Nordseekrimis“ haben ARD und ZDF im Angebot. Von den unzähligen Regionalkrimi-Serien zwischen „Morden im Norden“ (ARD) und den „Rosenheim-Cops“ (ZDF) sowie jeder Menge „SOKOs“ (ZDF) fürs Werberahmenprogramm am Vorabend ganz zu schweigen ...

So schön es ist, dass die ARD mit dem „Tatort“ ein Jahrzehnte altes Lagerfeuer am Lodern hält, so gut könnte es dem Format tun, wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihren Gesamtausstoß von Krimis an anderen Sendeplätzen runterfahren würden. Dann würden die Sonntagskrimis wieder etwas besonderer wirken als zurzeit.

Und an den Wiederholungs-Terminen ein paar mehr gute „Tatorte“ aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren zu zeigen statt immer nur welche aus den letzten fünf Jahren, könnte das Bewusstsein dafür schärfen, dass der „Tatort“ kein Allerweltskrimi ist, sondern ein Format, das sich schon lange und oft erfolgreich auf der Höhe der jeweiligen Zeit bewegt.

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