Live dabei und doch im Nebel
Dresdner „Tatort“-Team auf „Level X“

Nach Schlagerwelt und Obdachlosenszene geraten die Dresdner „Tatort“-Kommissarinnen in ihrem dritten Fall in eine ganz andere Welt. Dabei stochern sie im Nebel - live beäugt von der Netzgemeinde.
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Dresden„Simson ist jetzt live!“ blinkt es vielfach in der virtuellen Dresdner Altstadt auf dem Laptop. In der Realität steigt eine weiße Drohne von der Brühlschen Terrasse auf, fliegt auf einen Elbdampfer zu. Die Netzgemeinde feiert, als die Kamera einen Rocker einfängt - auf dem Schiffsklo - und bangt um den 17-Jährigen, als die „Saxonier“ ihn jagen. Dann fallen Schüsse, der Internet-Star bricht tot zusammen. Auch Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) sieht in „Level X“ dem Mord am Bildschirm zu. Für sie und ihre Kollegen im dritten Dresden-„Tatort“, der an diesem Sonntag (20.15 Uhr) im Ersten ausgestrahlt wird, ist das eine fremde Welt. Mit einer Million Followern ist Simson (Merlin Rose) ein Star der „Prankster“-Szene. Er spielt anderen Menschen Streiche und seine Fans können via Smartphone, Tablet oder Laptop live zusehen.

Ein Euro pro 1000 Klicks, Manager Magnus Cord (Daniel Wagner) verdient kräftig mit. „Er hat Scheiße zu Geld gemacht“, frotzelt Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach). Das Lachen aber vergeht ihm erstmal: Simsons Tod ist zwar auf dessen Channel online, den Täter aber hat niemand gesehen. Oberkommissarin Gorniak und ihre Kollegin Henni Sieland (Alwara Höfels) arbeiten sich in die Szene ein, stoßen auf den gewissenlosen „Prankster“ Scoopy (Wilson Gonzales Ochsenknecht), die hübsche Emilia (Caroline Hartig) und einen Notarzt, dessen illegalen Handel mit rezeptpflichtigen Medikamenten Simson filmte. Hat er ihn erpresst, wollte er aus der „Prank“-Szene aussteigen, ist er gar selbst ein Straftäter?

Der Kreis der Verdächtigen wächst - Gorniak, Sieland und ihr Chef aber blicken lange nicht durch. Social Mourning, Delivern, Klickrates - ihnen fliegen Anglismen um die Ohren, die Digital Generation narrt sie, verschlüsselte Dateien bremsen sie aus, die digitale Welt überfordert sie zuweilen. Als das virtuelle Kondolenzbuch in kurzer Zeit zwei Millionen Einträge umfasst, findet Schnabel: „Das ist doch krank!“ Vernehmungen von Verdächtigen sind plötzlich online, die Ermittler werden zum Gespött und „Prankster“ Scoopy spielt ihnen einen höchst makabren Scherz. „Kann nicht mal Jemand das verdammte Internet wieder abschalten?“, stöhnt Schnabel genervt. „Wir ham doch vorher och gelebt, oder nich?“

Dabei ist der Kommissariatschef gar nicht so computerscheu wie er tut: seine Kollegen „erwischen“ ihn beim Online-Dating im Büro. Er entschuldigt sich mit Eheproblemen, dafür entspannt sich das Verhältnis der „Mädels“ im Kommissariat: Henni und Karin teilen diesmal mehr als eine Lasagne. Bis zum großen Finale in der von Gregor Schnitzler („Tatort: Der treue Roy“, Weimar) zwischen Barock- und Plattenbauten inszenierten Story nach dem Drehbuch von Richard Kropf („4Blocks“) bleibt es spannend. Selbst für Ochsenknecht war die „Prank“-Szene eine „völlig neue Welt“, für die Rolle hat er die Typen aus dem Netz kopiert. „Ich konnte mal reinschnuppern und mich als YouTube-Prankster ausleben“, sagt der 27-Jährige. „Das ist eine Art - frech, egoistisch, exzentrisch -, die ich selbst nicht habe.“ Für Höfels trifft „Level X“ den Puls der Zeit und macht die Vielfalt des Themas sichtbar. „Die Kommissare profitieren ja auch von diesem Medium, indem sie es selber nutzen und Infos erhalten, die sie sonst nicht bekommen würden.“ Das blutige Ende fordert Akteure und Live-Zuschauer, und auch die Ermittler können sehen, was passiert. Die Aufklärung dann überrascht, Gorniaks Sohn ist stolz auf seine Mutter. „Du bist voll die Heldin!“. Die aber warnt den Social-Media-affinen Teenager: „Das ist nicht der Punkt, Aron, es hätte auch schief gehen können.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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