Tatort aus Luzern
Was ist ein Flüchtlingsleben wert?

Der letzte Tatort vor der Sommerpause: Die Kommissare Flückiger und Ritschard ermittelten gestern im Flüchtlingsmilieu. Hier scheint Menschenverachtung auf der Tagesordnung zu stehen.
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DüsseldorfDer Schweizer Tatort „Schutzlos“ wagte sich gestern auf politisch ganz wackeliges Terrain. Die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermittelten im afrikanischen Flüchtlingsmilieu in Luzern – dabei hatten die Macher keine Berührungsängste. Ein Fall, der seinesgleichen sucht.

Vor zwei Jahren kam der Nigerianer Egi als sogenannter UMA in die Schweiz – als unbegleiteter, minderjähriger Asylsuchender. Als Flüchtling bekommt er in der Schweiz keinen Job, also fängt er in der Dealerbande seiner Landsleute an, um Kokain zu verticken. Nun wird Egi erstochen unter einer Brücke in Luzern aufgefunden. Kurz zuvor wurde sein Dealer-Ring noch im Hauptquartier überfallen, ein Haufen Kokain ist verschwunden.

Alle Indizien sprechen zunächst für eine Abrechnung im Drogenmilieu. Für den neuen Polizeichef Mattmann (Jean-Pierre Cornu) ist klar, dass dieser Fall am besten gleich zu den Akten gelegt werden soll. Schließlich hätte der straffällige Ebi bei Erreichung der Volljährigkeit sowieso sofort ausgewiesen werden sollen, wofür also kostbare Arbeitsressourcen aufwenden? Bei dieser menschenverachtenden Einstellung blieb der Polizeichef den ganzen Fall über.

Erst auf Drängen der beiden Kommissare Flückiger und Ritschard darf „mit niedrigstem“ Aufwand ermittelt werden. Flückiger hat dabei während des Falls mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen: Schwere Migräne-Attacken schicken ihn gleich mehrfach mitten in den Ermittlungen zu Boden. Wenn er mal stehen bleibt, verfolgen ihn hartnäckige Halluzinationen.

Diese eingestreuten Wahnvorstellungen könnten nerven, sorgen jedoch dank der guten Machart für einen Extra-Schub an dramaturgischer Klasse. Überhaupt dürfte „Schutzlos“ einer der besten, zumindest Schweizer Tatorte der letzten Zeit sein. Mit vielen Wackelkamera-Einstellungen rücken die eingespielten Kommissare dem Drogenring immer näher auf den Pelz, das dichte Geflecht aus Lügen und Schutzbehauptungen sorgt lange für einen hohen Spannungsbogen.

Schnell gerät die junge Jola ins Visier der Ermittler. Auch sie flüchtete aus Nigeria, musste jedoch einen qualvollen Umweg über Italien gehen, wo sie zur Prostitution gezwungen wurde. Das ist für die Schweiz noch kein geeigneter Grund für Asyl, schließlich geschah die Prostitution erst nach der Flucht aus dem Heimatland – Paragrafenreiten im Angesicht schlimmsten menschlichen Leids.

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Und wer war nun der Mörder?

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