Tatort-Vorschau Ein Psychopath im Untergrund

Es geht in den Untergrund. Dort gibt der düstere Sound eines Trommlers den irrwitzigen Takt vor. Ein Berlin-Tatort zwischen Wahnvorstellung und Fortschrittsgläubigkeit. Außerdem knirscht es im Ermittlerteam.
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Christoph Bach als Harbinger in seiner Welt der U-Bahn Höfe, Notausgänge und unterirdischen Schächte in einer Szene des Berliner „Tatort: Dein Name sei Harbinger“. Quelle: dpa
Tatort: Dein Name sei Harbinger

Christoph Bach als Harbinger in seiner Welt der U-Bahn Höfe, Notausgänge und unterirdischen Schächte in einer Szene des Berliner „Tatort: Dein Name sei Harbinger“.

(Foto: dpa)

BerlinDer SpuSi-Mann im weißen Ganzkörperanzug bringt es auf den Punkt: „Ey, ihr Beiden seid echt wie so ein Magnet für Horror-Leichen“, ruft der Spurensicherungsexperte dem Berliner Ermittler-Duo Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) zur Begrüßung zu. Unter einer Bahnbrücke wurde in einem ausgebrannten Transporter eine verkohlte Leiche gefunden. „Männlich, wahrscheinlich“, wird gemutmaßt. „Dein Name sei Harbinger“ heißt der düstere und spannende Berlin-„Tatort“, der an diesem Sonntag (20.15 Uhr) im Ersten gezeigt wird.

Szenenwechsel: Es geht in den Berliner Untergrund. Dort hat der rätselhafteste Typ dieses Krimis seinen Auftritt. Im türkis gekachelten U-Bahnhof Alexanderplatz betreibt der stets lauernd um sich blickende Mann mit Schnauzbart, Mütze und schwarzer Kluft einen Schlüsseldienst. Nebenher nimmt er mit einem altertümlichen Kassettenrekorder kryptische Beobachtungen über andere Menschen auf. Christoph Bach - bekannt als Mediziner Paul Ehrlich aus der historischen ARD-Serie „Charité“ - spielt diesen von Verfolgungswahn gepeinigten Psychopathen als ebenso abstoßende wie faszinierende Figur.

Im sechsten gemeinsamen Fall von Rubin und Karow knirscht es im Zusammenspiel des Ermittlerteams nach wie vor gewaltig. Karow versprüht mal wieder Zynismus pur. Becker streitet sich am Handy mit ihrem ins ferne Straubing gezogenen Mann, nachdem sie gerade den gemeinsamen Sohn Tolja aus der Ausnüchterungszelle geholt hat. Kommissarsanwärterin Anna Feil (Carolyn Genzkow) bricht nach einer schlimmen persönlichen Nachricht auf der Toilette zusammen - und gerät ins Fadenkreuz der gefährlichen Ermittlungen.

Rasch werden Verbindungen zwischen drei alten Fällen mit dem jüngsten Verbrechen sichtbar - geht in Berlin ein Serienkiller um? Die Spur führt zu einer Kinderwunschklinik - denn die Toten waren alle Halbgeschwister, gezeugt mithilfe von In-Vitro-Fertilisation. Am zweiten großen Schauplatz des Films wird dann auch das Gender-Thema fortgesetzt, das die bisherigen Berliner „Tatort“-Folgen durchzog. Die Klinik-Gründerinnen (Almut Zilcher und Eleonore Weisgerber) sind auch privat ein Paar. Ihr Sohn Stefan (Trystan Pütter), heutiger Leiter der Klinik, ist ein „Produkt“ seiner Mütter. „In der Schule war ich immer das Lesben-Kind aus dem Reagenzglas“, gesteht der Arzt Rubin. „Aber meine Mütter waren Pionierinnen. Nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich.

Zahlen, Zitate und erstaunliche Fakten zur Krimireihe
„Reifezeugnis“ (1977)
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Der wohl legendärste „Tatort“: Der Kieler Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) hat es darin mit dem Mord an einem Schüler zu tun und trifft auf eine Schülerin (Nastassja Kinski, rechts), die ein Verhältnis mit ihrem Lehrer (Christian Quadflieg, links) hat...

Erste Kommissarin
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Als erste Ermittlerin der Reihe schickte der damalige Südwestfunk (SWF) die Kommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) ins Rennen. Die Auftaktfolge hieß „Der Mann auf dem Hochsitz“ und wurde am 29. Januar 1978 ausgestrahlt. Bis 1980 gab es drei Folgen mit Heesters.

Rekordhalter
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Die Münchner Hauptkommissare Batic und Leitmayr (Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec) waren seit 1991 in 73 Folgen zu sehen und sind damit Rekordhalter der Reihe.

Senior
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Die dienstälteste Ermittlerfigur innerhalb der Reihe ist jedoch Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Sie ermittelt seit Ende Oktober 1989 in Ludwigshafen – in bislang 64 Folgen.

Länge
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Der längste „Tatort“ dauerte 119 Minuten: In der Folge „Der Richter in Weiß“ (1971) ermittelt Hauptkommissar Trimmel (Bild); die kürzeste 56 Minuten: „Der Boss“ (1971).

Autoren
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Der 77 Jahre alte Felix Huby – unter anderem Erfinder der von Dietz-Werner Steck verkörperten Bienzle-Figur in Stuttgart (1992 bis 2007) – hat unter den Drehbuchautoren die Nase vorn. Er schrieb insgesamt 32 Folgen.

Regisseure
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Bei den Regisseuren führt der 71-jährige Hartmut Griesmayr mit 25 Folgen die Statistik an. Er führte zum Beispiel bei vielen Bienzle-Folgen Regie.

Sie haben für eine neue Idee von Familie gekämpft, die mittlerweile einen festen Platz in unserer Gesellschaft hat“, sagt er stolz. Karow ermittelt inzwischen auf eigene Faust. Er versucht auf sehr spektakuläre Weise und unter Einsatz seines Lebens, das Vertrauen des Verdächtigen aus dem Berliner Untergrund zu gewinnen. Der hatte nämlich als Jugendlicher einen Anschlag auf eine der Reproduktionsmedizinerinnen verübt.

Mark Waschke baut seine Ermittlerfigur mit seinen gewagten Alleingängen zu einer Art Schimanski aus - und drängt Meret Becker als die mit familiären Problemen kämpfende Kollegin Rubin dieses Mal etwas an den Rand. Regisseur Florian Baxmeyer hat bereits „Tatort“-Erfahrung und inszenierte zuletzt unter anderem den Fall „Nachtsicht“ mit der Bremer Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel). Mit „Dein Name sei Harbinger“ gelingt ihm ein atmosphärisch dichter Thriller an schaurig schönen Berlin-Schauplätzen. Die Handlung ist einigermaßen schlüssig - was mehr zählt, das sind aber die eigenwilligen, interessanten Charaktere.

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  • dpa
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