Weihnachts-Tatort

Schlimmer die Glocken nie klingen

Schluss mit der Wohlfühlatmosphäre zu Weihnachten: Der Tatort „Klingelingeling“ lenkt den Blick auf die Schattenseiten des Fests. Es geht um Abgründe am Rande der Gesellschaft – und den wahren Kern von Weihnachten.
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Rechtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher – gespielt von Robert Joseph Bartl (links) – untersucht die Leiche des kleinen Lucian und erklärt den Hauptkommissaren Ivo Batic, gespielt von Miroslav Nemec (Mitte) und Franz Leitmayr, gespielt von Udo Wachtveitl, die Todesursache. Quelle: dpa
Der Tatort zu Weihnachten "Klingelingeling" spielt in München

Rechtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher – gespielt von Robert Joseph Bartl (links) – untersucht die Leiche des kleinen Lucian und erklärt den Hauptkommissaren Ivo Batic, gespielt von Miroslav Nemec (Mitte) und Franz Leitmayr, gespielt von Udo Wachtveitl, die Todesursache.

(Foto: dpa)

MünchenWeihnachten ist ein Fest des Überflusses. Geschenke, Essen, Alkohol, alles reichlich. Inmitten dieser Glückseligkeit lenkt der Tatort „Klingelingeling“ am zweiten Weihnachtsfeiertag um 20.15 Uhr den Blick auf Menschen am Rand der Gesellschaft. Ein totes Baby wird kurz vor Heiligabend in einer Kirche gefunden.

Die Ermittlungen führen die Kommissare zu zwei Schwestern aus Rumänien, die von einer mafiösen Bettelorganisation auf die Straße geschickt werden. In dieser Welt sind Menschen Ware – und Kinder haben gar keinen Platz. Der Film ist unbedingt sehenswert, ist er doch näher am Ursprung des Festes als der ganze kommerzielle Weihnachtstrubel. Schließlich wurde Jesus nach christlicher Überlieferung bitterarm in einem Stall geboren, freudig begrüßt von den Hirten, die nicht zu den Privilegierten der Gesellschaft gehörten.

Wie schon in seinem Kinofilm „Der Verdingbub“ zeigt der Schweizer Regisseur Markus Imboden eine Welt, in der es kaum Mitleid gibt und in der die Ärmsten rücksichtslos ausgebeutet werden. Die Lage der hochschwangeren Tida (Mathilde Bundschuh) ist ausweglos. Sie und ihre Schwester Anuschka (Cosmina Stratan) werden von den Chefs ihrer Bettlerbande mit Liquid Ecstasy gefügig gemacht.

Zahlen, Zitate und erstaunliche Fakten zur Krimireihe
„Reifezeugnis“ (1977)
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Der wohl legendärste „Tatort“: Der Kieler Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) hat es darin mit dem Mord an einem Schüler zu tun und trifft auf eine Schülerin (Nastassja Kinski, rechts), die ein Verhältnis mit ihrem Lehrer (Christian Quadflieg, links) hat...

Erste Kommissarin
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Als erste Ermittlerin der Reihe schickte der damalige Südwestfunk (SWF) die Kommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) ins Rennen. Die Auftaktfolge hieß „Der Mann auf dem Hochsitz“ und wurde am 29. Januar 1978 ausgestrahlt. Bis 1980 gab es drei Folgen mit Heesters.

Rekordhalter
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Die Münchner Hauptkommissare Batic und Leitmayr (Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec) waren seit 1991 in 73 Folgen zu sehen und sind damit Rekordhalter der Reihe.

Senior
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Die dienstälteste Ermittlerfigur innerhalb der Reihe ist jedoch Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Sie ermittelt seit Ende Oktober 1989 in Ludwigshafen – in bislang 64 Folgen.

Länge
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Der längste „Tatort“ dauerte 119 Minuten: In der Folge „Der Richter in Weiß“ (1971) ermittelt Hauptkommissar Trimmel (Bild); die kürzeste 56 Minuten: „Der Boss“ (1971).

Autoren
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Der 77 Jahre alte Felix Huby – unter anderem Erfinder der von Dietz-Werner Steck verkörperten Bienzle-Figur in Stuttgart (1992 bis 2007) – hat unter den Drehbuchautoren die Nase vorn. Er schrieb insgesamt 32 Folgen.

Regisseure
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Bei den Regisseuren führt der 71-jährige Hartmut Griesmayr mit 25 Folgen die Statistik an. Er führte zum Beispiel bei vielen Bienzle-Folgen Regie.

Bei Tida lösen die Drogen vorzeitige Wehen aus. Im Waschkeller eines Hinterhauses bringt sie ihren Sohn zur Welt – und ist glücklich, ebenso wie Anuschka, die ihr beisteht. Das Wunder der Geburt, auch im Elend. Die lächelnde Mutter weiß jedoch: Sie muss ihren Sohn Lucian verstecken, damit der gnadenlose Bettler-Chef Radu (Florin Piersic Jr.) ihn nicht findet. Als sich die Frauen auf den Weg machen, bricht Tida auf der Straße zusammen, und ihre Schwester Anuschka muss mit dem Baby fliehen, als Radus Bruder (Alexandru Cirneala) auftaucht.

Der Film rüttelt auf und berührt, ist doch das Drehbuch von Dinah Marte Golch nah an der Wirklichkeit. Fast jeder kennt die Menschen, die in Innenstädten um Geld flehen. Zwischen 100 und 400 Euro am Tag kann ein Bettler laut Polizei in Münchens Innenstadt im Advent einnehmen, doch vielen bleibt davon nichts. „Oft verschafft man lediglich den Hintermännern ein gutes Leben“, sagt der Münchner Polizeihauptkommissar Robert Röske.

Die Chancen, diese Leute zu fassen und die Strukturen aufzubrechen, seien gering. Röske spricht von einer „Kultur des Schweigens“, die Ermittlungen erheblich erschwere. Gleichzeitig will er nicht raten, kein Geld zu geben. „Weil manche Bettler wirklich ihren Lebensunterhalt damit verdienen“, vor allem die, die auf eigene Faust unterwegs sind.

Unvergessliche Krimis und Kommissare
„Taxi nach Leipzig“ (1970)
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Bei einer Autobahnraststätte in der Nähe von Leipzig ist ein fünfjähriger Junge tot gefunden worden. Per Fernschreiben bittet der Generalstaatsanwalt der DDR die West-Kollegen um Hilfe, denn das Kind trug Schuhe aus der Bundesrepublik. Trimmel (Walter Richter, rechts) winkt erst ab und wird dann doch neugierig - immer mehr Spuren führen in den Westen. Da sich der Hauptkommissar ohne größeren Papierkram eigentlich nur auf der Strecke nach West-Berlin bewegen darf, täuscht er kurzerhand eine Autobahnpanne vor und fährt im Taxi nach Leipzig. Dort stößt er auf ein makabres Komplott. Der erste Film der „Tatort“-Reihe.

Das große Jubiläum
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Auch die 1.000 Folge bekommt den Titel „Taxi in Leipzig“ – in Anlehnung an das große Jubiläum. Der „Tatort“ ist auch im Jahr 2016 noch äußerst beliebt, auch wenn die Quoten von früher nicht mehr zu erreichen sind: Die erste Folge erzielte 61 Prozent Marktanteil. Angesichts der Konkurrenz dürfte das heute kaum noch möglich sein.

„Reifezeugnis“ (1977)
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Der wohl legendärste „Tatort“: Der Kieler Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) hat es darin mit dem Mord an einem Schüler zu tun und trifft auf eine Schülerin (Nastassja Kinski, rechts), die ein Verhältnis mit ihrem Lehrer (Christian Quadflieg, links) hat...

Kinski als Jugendstar
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Nastassja Kinski (links) ist erst 15 Jahre alt, als sie für diesen Krimi viel nackte Haut zeigt. Damals ein Skandal. Wolfgang Petersen, der später mit „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ Welterfolge feierte, setzte den Mordfall gekonnt in Szene.

„Duisburg-Ruhrort“ (1981)
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Eines seiner ersten Worte ist „Scheiße“. Die „Tatort“-Zuschauer wissen im Jahr 1981 sofort, woran sie bei Kriminalhauptkommissar Horst Schimanski (Götz George) sind. Das Publikum liebt diesen Ruhrpott-Proll mit Schnauzbart und zerknautschter Windjacke. Streng genommen ist es eine M-65-Feldjacke der US-Streitkräfte, die auch Robert De Niro als Travis Bickle im Kinofilm „Taxi Driver“ trug. Für Schauspieler Götz George wird „Schimmi“ fast schon ein Alter Ego. Im ersten Fall geht es um einen Toten im Duisburger Hafen.

„Frau Bu lacht“ (1995)
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Grimme-Preisträger Dominik Graf drehte diesen bekannten Münchener Krimi. Ivo Batic und Franz Leitmayr (Miroslav Nemec, Mitte, und Udo Wachtveitl, links), ermitteln bei einer Partnervermittlung für Thai-Frauen – damals noch nicht weißhaarig. Auf dem Foto rechts: Der Verdächtige D. Zimmer (Ulrich Noethen).

Kaltherziger Umgang
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Der kaltherzige Umgang deutscher Ehemänner mit den Asiatinnen, die ihnen in den ersten Jahren durch deutsche Abschiebegesetze ausgeliefert sind, kommt genauso gnadenlos auf den Tisch wie das Thema Kindesmissbrauch. In den Augen vieler Fans ist der Fall aus München eine der stärksten „Tatort“-Episoden.

Imboden vermeidet es, auf die Tränendrüse drücken. Stattdessen setzt er auf schlichte, aber starke Gefühle – vor dem Hintergrund der hoffnungslosen Lage der beiden Schwestern. Die „Tatort“-Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) geraten etwas an den Rand, nicht zuletzt weil Bundschuh, Stratan und der in Rumänien gefeierte Piersic Jr. so hervorragend spielen.

Außerdem sind die Ermittler wesentlich ernster als sonst häufig. Der Fund der kleinen Leiche geht ihnen sehr nahe. Wenn sie dennoch über Weihnachtspläne und nervige Geschenke plänkeln, wirkt das wie der Versuch, die bedrückende Stimmung für kurze Momente aufzulockern. Auch für die Zuschauer eine willkommene Atempause in dem emotional sehr packenden Krimi.

Der Film zeigt, dass die Bettler am Straßenrand nicht gesichtslose Wesen sind. Sie haben Gefühle, Ängste, Nöte und oft eine Familie in der Heimat, die sie liebt. „Nach dem Film sieht man die Bettler mit neuen Augen“, meint Bavaria-Produzent Ronald Mühlfellner. Und noch etwas löst die Produktion des Bayerischen Rundfunks (BR) aus: Die Frage, ob zu Weihnachten wirklich alles perfekt sein muss und ob man nicht wichtigere Dinge bedenken sollte: Liebe, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit zum Beispiel.

  • dpa
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