Weinstein und die Frauen

Hollywoods dunkle Seite

Der Skandal um den mächtigen Filmproduzenten rückt die umstrittenen Umgangsweisen in Hollywood ins Zentrum der Debatte. Insider glauben: Weinstein könnte nur die Spitze des Eisbergs sein.
  • Andreas Renner
Update: 14.10.2017 - 12:35 Uhr 1 Kommentar

„Die Ära des absichtlichen Wegsehens bei sexueller Belästigung ist vorbei“

„Die Ära des absichtlichen Wegsehens bei sexueller Belästigung ist vorbei“

Los AngelesKein Tag ohne neue Anschuldigungen: Der Sex-Skandal um Filmproduzent Harvey Weinstein hat Amerikas Filmwelt erschüttert. Seitdem die „New York Times“ vergangene Woche erste Details über Weinsteins zahlreiche sexuelle Übergriffe veröffentlichte, haben sich dutzende Frauen zu Wort gemeldet. Es geht um sexuelle Belästigung und um Vergewaltigung. Doch es geht längst nicht mehr nur um Weinstein. „Das ist nicht der erste Fall und es wird auch nicht der letzte Fall sein“, glaubt Star-Anwältin Gloria Allred, die sich auf Diskriminierungsfälle spezialisiert hat. „Mehrere Frauen haben sich bereits an mich gewandt und andere angesehene Produzenten beschuldigt“, sagte sie dem US-Nachrichtensender CNN. Pikanterweise hat ihre Tochter noch bis vor wenigen Tagen für Weinstein gearbeitet.
Der Skandal wirft ein Licht auf eine Industrie, in der seit Jahrzehnten ein extremes Ungleichgewicht herrscht zwischen den Mächtigen und jenen, die von ihnen abhängig sind. Hollywood ist nur die glamouröse Welt der Stars. Die Filmindustrie hat auch eine dunkle Seite. Es wimmelt geradezu vor selbstverliebten alternden Strippenziehern, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung glauben, sie könnten sich alles erlauben. Lange sind sie damit durchgekommen.
Dem Tausch Sex gegen eine mögliche Karriere in Hollywood stimmten viele jungen Frauen und junge Männer zu – wenn auch meist widerwillig. So wie Lucia Evans, die Weinstein 2004 in seinem Büro vergewaltigt haben soll. „Er ist ein großer, schwerer Mann. Er hat mich überwältigt. Ich habe einfach aufgegeben. Aber das ist rückblickend das Schlimmste, denn man hat dadurch das Gefühl, dass man selbst schuld daran ist was passierte“, erklärte Evans nun gegenüber dem Reporter Ronan Farrow, der im „The New Yorker“ eine weitere Enthüllungs-Story über Weinstein veröffentlicht hat.

So wenden sich Hollywood-Stars angewidert ab
Harvey Weinstein
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Es begann mit einem Bericht der New York Times. Der US-amerikanische Filmproduzent soll über Jahre Frauen sexuell belästigt haben. Da sich die Hinweise mehr und mehr verdichten, wurde Weinstein unlängst von seinem eigenen Filmstudio vor die Tür gesetzt. Der Skandal erschüttert Hollywood. Nicht wenige Schauspieler und Verantwortliche aus dem Business melden sich zu Wort.

Die ersten öffentlichen Stimmen
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Die Schauspielerinnen Rose McGowan (l.) und Ashley Judd sind die ersten Frauen, die als Betroffene ihre Stimme gegen den Hollywoodmogul erheben. Bereits im vergangenen Jahr schrieb McGowan auf Twitter, dass sie von einem damals nicht näher benannten Studiochef vergewaltigt worden sei. Zudem gehöre sie nach Informationen der Times zu einer der insgesamt acht Frauen, denen Weinstein Schweigegeld gezahlt habe. Judd gab demselben Blatt ein Interview, in welchem sie von ihrer „schmutzigen Erfahrung“ mit dem Oscar-prämierten Produzenten erzählt.

„Ich wusste nichts darüber, aber es überrascht mich kein Stück und passt ohnehin zu diesem System.“
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Der Sex-Skandal zieht in Hollywood seine Kreise und trifft bei vielen erschütterten Filmstars nur auf Entrüstung und Unverständnis. So auch bei Schauspielerin Emma Thompson, die sich gegenüber BBC Newsnight äußerte. „Was ich außergewöhnlich finde, ist, dass dieser Mann nur die Spitze eines ganz bestimmten Eisbergs ist. Ich denke nicht, dass man ihn als sexsüchtig bezeichnen könnte; er ist ein Jäger. Aber er sitzt sozusagen auf der obersten Sprosse eines Systems voller Belästigung, Verharmlosung, Mobbing und Beeinflussung.“

„Er ist das Sinnbild eines systembedingten Problems“
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Der aus Kanada stammende Schauspieler Ryan Gosling auf Twitter. „Ich möchte mich den Stimmen der Unterstützung für die Frauen anschließen, die den Mut haben, sich gegen Weinstein auszusprechen. Wie viele Menschen in Hollywood habe auch ich mit ihm zuvor zusammengearbeitet und ich bin von mir selbst tief enttäuscht, dass ich so blind war. [...] Männer sollten zu den Frauen halten und zusammenarbeiten, bis Rechenschaft abgelegt und eine Änderung erreicht wurde.“

„Das darf nicht passieren, es sollte nicht passieren, aber es geschieht in jeder einzelnen Industrie.“
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Schauspielerin und Ehefrau von Ryan Reynolds, Blake Lively, in einem Interview mit dem Hollywood Reporter. „In keiner Form habe ich diese Erfahrung mit Harvey machen müssen und ich denke, wenn den Leuten diese Geschichten zu Ohren gekommen wären ... dann glaube ich doch noch ausreichend an die Menschheit, dass diese Dinge nicht einfach fortgeführt worden wären. [...] Es ist niederschmetternd zu hören. Wenn Menschen ihre Geschichte mit der Öffentlichkeit teilen, gibt es eine Sache, die geschehen muss: Ihnen muss zugehört sowie vertraut werden und man muss sie ernstnehmen.“

„Man kann sich kein ,Oh, na ja, ich bin in den 60er- und 70er-Jahren aufgewachsen, deshalb ...‘ kaufen“
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Tom Hanks nimmt im Interview mit der New York Times Bezug auf Weinsteins anfängliches Statement, in welchem er sein Verhalten mit der Zeit, in der er aufwuchs, begründet. „Auch ich bin in dieser Zeit aufgewachsen. Also denke ich, nun, was verspricht man sich eigentlich von dieser machtvollen Position? Ich kenne eine Menge unterschiedlicher Menschen, die es lieben, auf unter ihnen stehenden Leuten rumzuhacken oder ihnen das Leben schwer zu machen nur weil sie es können ...“

„Es muss für die Frauen angsteinflößend gewesen sein, sich gegen ihn aufzulehnen“
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Der britisch-italienische Schauspieler und Filmproduzent Colin Firth in einem Statement gegenüber dem Guardian. „Es überkommt mich ein gewisser Brechreiz, wenn ich lese, was vor sich ging, während ich von der Unterstützung von Harvey Weinstein profitierte. Er war ein mächtiger und furchterregender Mann, wenn man ihm Paroli bieten wollte. Es muss für die Frauen angsteinflößend gewesen sein, sich gegen ihn aufzulehnen. Und entsetzlich nun mit dieser Art von Belästigung in Verbindung gebracht zu werden. Ich applaudiere ihrem Mut.“

Es war ein düsteres System, das abseits der Leinwand kultiviert wurde. Die Männer mit den großen Egos saßen in Management-Agenturen, in den großen Filmstudios und Fernsehanstalten, bei Casting-Agenturen. Der große Traum vom Hollywood-Ruhm treibt jährlich Zehntausende junger Menschen aus der ganzen Welt nach Los Angeles – in der Hoffnung, der nächste Brad Pitt oder die nächste Jennifer Lawrence zu werden. Die bittere Wahrheit: 90 Prozent von ihnen bleiben arbeitslos. Viele landen auf der Straße, weil sie zu stolz sind, nach Hause zurückzukehren. Das Überangebot an jungen Schauspielaspiranten ist der perfekte Selbstbedienungsladen für Kaliber wie Harvey Weinstein. Wer sich ihnen wiedersetzt, riskiert seine ohnehin schon mageren Karrierechancen. Und wer es sich mit einem Produzenten verscherzt, so ein ungeschriebenes Gesetz, der hat auch bei anderen schlechte Karten.
„Einer wie Weinstein kann Karrieren aufbauen oder sie zerstören“, gibt Mark Lipton, der Autor des Buches „Mean Men: The Perversion of Americas Self-Made Men“ zu bedenken. Das Verhalten von Weinstein und anderen „wird zu leicht normalisiert.“
Der amerikanische TV-Sender FOX musste einen Sex-Skandal im eigenen Haus einräumen. Der ehemalige Senderchef Roger Ailes, der im Mai verstarb, soll mindestens 20 Frauen missbraucht haben. Moderator Bill O’Reilly wurde von fünf Frauen beschuldigt, sie sexuell genötigt zu haben. Beide mussten in der Folge ihren Hut nehmen. Schauspieler Bill Cosby soll zwischen 1965 und 2014 Dutzende Frauen missbraucht haben. Ein Prozess gegen Cosby wurde im Juni eingestellt.
Zu den Opfern der sexuellen Übergriffe gehören aber nicht nur junge Frauen, sondern vielfach auch Kinder, Jugendliche und junge Männer. Auf den sogenannten „Casting Couches“ – ein Insider-Begriff für das unmoralische Angebot „Casting“ für eine Rolle gegen sexuelle Aktivitäten auf der „Couch“ – werden junge Arbeitsuchende Schauspieler gefügig gemacht.

Ehemalige Kinderstars wie der mittlerweile verstorbene Corey Haim und Corey Feldman, bekannt aus dem Film „The Lost Boys“, berichteten in der Vergangenheit offen von ihren Erfahrungen mit männlichen Hollywood-Mogulen, die sich in ihren frühen Teenager-Jahren sexuell an ihnen vergingen und ihnen im Gegenzug attraktive Rollen versprachen. „Herr der Ringe“-Star Elijah Wood, der ebenfalls als Kinderstar seine Karriere startete, machte im vergangenen Jahr Andeutungen über einen organisierten Pädophilen-Ring in Hollywood, räumte dann aber ein, darüber kein Wissen aus erster Hand zu haben. James Van der Beek, der durch die Fernsehserie Dawson’s Creek bekannt wurde, twitterte am Mittwoch, dass er als junger Schauspieler ebenfalls unsittlich berührt wurde.
Weinstein weist unterdessen alle Anschuldigungen zurück und gerät mit seiner Verteidigung erneut in die Kritik. Er hatte sich anfangs mit der Tatsache gerechtfertigt, dass er in den wilden 60er und 70er Jahren groß geworden ist, als noch andere Regeln für das Verhalten am Arbeitsplatz galten. 

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  • Da haben sich viele erfolgreich hochgeschlafen und machen jetzt auf Opfer, um wieder mal in die Medien zu kommen.

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