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10.10.2007 
Fachkräftemangel in Deutschland

Verpasste Chancen

von Dorit Heß

Der Fachkräftemangel in Deutschland nimmt bedrohliche Ausmaße an. Weit über die Hälfte aller Großunternehmen sucht einer Handelsblatt-Umfrage zufolge derzeit händeringend nach Experten. Aus Sicht von Führungskräften wird sich die Lage noch verschlimmern. Und die Manager rechnen vor, was sie das Fehlen von qualifiziertem Personal kostet.

Ingenieur bei der Arbeit: Vor allem im Maschinenbau fehlen Fachkräfte. Foto: APLupe

Ingenieur bei der Arbeit: Vor allem im Maschinenbau fehlen Fachkräfte. Foto: AP

FRANKFURT. Angenehmer hätten die Nachrichten kaum sein können, die VDMA-Präsident Dieter Brucklacher in der vergangenen Woche zu seinem Abschied verkündete: „Dieses Jahr ist für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau eines der besten in der Nachkriegszeit.“ Wie groß die Probleme sind, die der Erfolg der Branche beschert, weiß der scheidende Verbandspräsident aber ebenso gut wie sein Nachfolger Manfred Wittenstein: Der Mangel an Fachkräften war nie so groß wie heute.

Die Ergebnisse des Business-Monitors, einer Umfrage des Handelsblatts, belegen das eindeutig: Drei von fünf Top-Managern (59 Prozent) aus deutschen Unternehmen ab 100 Beschäftigten suchen händeringend nach Fachkräften für ihre Betriebe. Je größer das Unternehmen, desto drängender das Problem: Während 57 Prozent der kleinen Firmen (100 bis 500 Beschäftigte) über zu wenige Fachkräfte klagen, bemängeln das 71 Prozent der Großunternehmen ab 5 000 Mitarbeitern. Insbesondere die Betriebe der Metall- und Elektroindustrie und des Fahrzeug- und Maschinenbaus sind betroffen: Hier klagen drei von vier Firmen über Fachkräftemangel.

Das Problem kennt auch keine regionalen Grenzen. In zwölf der 16 Bundesländer gebe es inzwischen durchschnittlich nur einen Bewerber pro ausgeschriebene Ingenieurstelle, berichtete jüngst die Bundesagentur für Arbeit. Um Stellen zügig besetzen zu können, braucht die Nürnberger Behörde aber eine Relation von drei zu eins.

Der derzeitige Engpass wird aus Sicht der Führungskräfte noch dramatischer werden: Gut zwei Drittel der Spitzenmanager, deren Unternehmen bereits jetzt unter dem Mangel leiden, rechnen damit, dass sich das Problem verschärfen wird. Und ein Drittel der Spitzenmanager von Unternehmen, die derzeit noch keinen Engpass beklagen, erwartet, dass sie künftig betroffen sein werden. Vor allem Führungskräfte des Baugewerbes und des Energie- und Chemiesektors zeigen sich skeptisch.

Die Ursachen für diese Entwicklung liegen auf der Hand: Nach dem jüngsten Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben nur 22 Prozent der Deutschen im Alter von 25 bis 35 Jahren einen Hochschulabschluss – im OECD-Schnitt dagegen ist fast jeder Dritte Akademiker. Und damit nicht genug: In den vergangenen zwei Jahren sank die Zahl der Studienanfänger in Deutschland weiter. Der Trend wird anhalten. Die meisten 15-jährigen Deutschen ziehen laut OECD ein Studium „nicht einmal mehr ernsthaft in Betracht“. Das sei „noch frappierender“, sagt OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Bildungsministerin Annette Schavan scheinen diese Prognosen nicht zu beeindrucken: Sie will „die Zahl der Hochschulabsolventen auf 40 Prozent erhöhen und gleichzeitig die Quote der Abbrecher deutlich senken“.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie hoch der Schaden für die Unternehmen ist.

Mangelware Experten: Umfrageergebnisse unter Deutschlands-Managern. Grafik: HandelsblattLupe

Mangelware Experten: Umfrageergebnisse unter Deutschlands-Managern. Grafik: Handelsblatt

Wie sehr sich der Fachkräftemangel auf die hiesigen Unternehmen auswirkt, kann die Mehrheit der befragten Manager auch beziffern. Zwölf Prozent der Entscheider geben an, dass ihr Unternehmen bis zu fünf Prozent des Jahresumsatzes einbüßt, weil wegen des Fachkräftemangels Produktion ausfällt und Aufträge nicht abgearbeitet werden. Weitere zwölf Prozent beziffern die Umsatzeinbußen auf mehr als fünf Prozent. Und jeder zwanzigste Manager spricht von Schäden in einer Größenordnung von über zehn Prozent. Vor allem in Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie sowie des Fahrzeug- und Maschinenbaus macht sich nach Angaben der Manager das Fehlen von qualifiziertem Fachpersonal in Produktionsausfällen bemerkbar.

Das Profil der gesuchten Kräfte auf dem Arbeitsmarkt ähnelt sich: Gut zwei Drittel der Befragten (69 Prozent) mangelt es an „höchstqualifizierten Spezialisten“. Knapp die Hälfte (48 Prozent) sucht zudem nach „Facharbeitern mit praktischer Ausbildung“. Während Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie sowie des Fahrzeug- und Maschinenbaus vor allem Akademiker suchen, fehlt es im Baugewerbe sowie dem übrigen verarbeitenden Gewerbe an Facharbeitern mit praktischer Berufsausbildung. Insgesamt gilt: Je größer die Unternehmen, desto stärker ist das Interesse an Spezialisten.

Ihre Not versuchen die deutschen Unternehmen auf verschiedene Weise zu mildern. Insgesamt knapp ein Fünftel der Firmen beschäftigt qualifizierte Mitarbeiter aus Ländern außerhalb der EU. Davon haben neun Prozent Fachkräfte mit befristeter Aufenthaltserlaubnis engagiert, weitere sieben Prozent hochqualifizierte Spezialisten mit mehr als 85 500 Euro Jahresgehalt, die das Recht haben, dauerhaft in der Bundesrepublik zu bleiben. Weitere drei Prozent greifen auf beides zurück. Weit überdurchschnittlich aktiv sind hier die Großunternehmen: Jedes zweite stellt Ausländer aus Nicht-EU-Staaten ein.

Was der Bundespolitik in puncto Fachkräftemangel bislang eingefallen ist, scheint die Wirtschaftselite ratlos zu stimmen. Gerade einmal fünf Prozent der Top-Manager halten die jüngsten Beschlüsse des Bundeskabinetts für ausreichend. Die Große Koalition hatte in Bad Meseberg beschlossen, dass der Zuzug ausländischer Maschinenbau- und Elektroingenieure nach Deutschland erleichtert werden soll. Eine breite Mehrheit von zwei Dritteln bezeichnet das als „ersten Schritt“, um den Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft wirksam zu bekämpfen. „Völlig unzureichend“ nennen weitere 22 Prozent den Beschluss.

Ohnehin sehen es die Wirtschaftsvertreter nur als Ergänzung an, ausländische Fachkräfte anzuheuern. Langfristig haben sie andere Lösungen im Blick, um den Mangel an qualifiziertem Fachpersonal wirksam zu stoppen. Ein besseres Schulsystem sehen 96 Prozent als Lösung, mehr Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen 78 Prozent.


Der Handelsblatt Business-Monitor

Die Umfrage: Der Handelsblatt Business-Monitor, eine repräsentative Befragung von deutschen Spitzenmanagern im Auftrag des Handelsblatts und der Unternehmensberatung Droege & Comp., wird bereits seit dem Jahr 1999 neunmal jährlich erhoben.

Die Ergebnisse: Für diese Erhebung hat das Marktforschungsinstitut Psephos in der Zeit vom 18. September bis zum 4. Oktober 812 Führungskräfte telefonisch befragt. Die Umfragen sind im Rahmen statistischer Schwankungsbreiten repräsentativ.

Die Dokumentation: Zusätzlich zur Berichterstattung im Handelsblatt sind die Umfrageergebnisse in einem Berichts- und Tabellenband detailliert aufgeschlüsselt. Diese Dokumentation ist in digitaler und in gedruckter Form erhältlich.

Die vollständigen Ergebnisse des „Handelsblatt Business Monitors“ können telefonisch bestellt werden unter 0800- 0002056 oder im Internet unter »  www.handelsblatt-shop.com

Weitere Artikel über die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland sowie der gesamten Weltwirtschaft finden Sie unter » www.handelsblatt.com/makro

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EU-Kommission 1,5 1,8
OECD 1,1 1,5
Frühjahrsgutachten der Institute 1,4 1,8
Bundesregierung 1,2 1,7
Sachverständigenrat 1,9