
DüsseldorfIst es nun eine auf dem diplomatischen Parkett ungehörige Schmähung, Silvio Berlusconi einen Clown zu nennen, oder eine handfeste Beleidigung aller Vertreter der ehrbaren Zunft der Zirkusunterhaltung? Das Internet ist uneins und diskutiert eifrig über Peer Steinbrücks Äußerungen über den italienischen Ex-Ministerpräsidenten.
Der FDP-Politiker Volker Wissing taufte den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten „Peerlusconi“ und es schien, als würde Steinbrücks Spott wie ein Boomerang auf ihn zurück fallen. Und auf Twitter hat Wissing auch noch einige Spitzen parat: Das Wort „Klartext" sei sozialdemokratisch und bedeute "Stammtisch". Von CDU-Politiker Jens Spahn kommt Zuspruch: „#Peerlusconi – finde ich gut. Hehe“. Ausgerechnet die „tageszeitung“, sonst eher selten auf einer Linie mit den Liberalen zollt Wissing für den Spitznamen Respekt und twittert Komplimente.
Twitternde Politiker anderer Lager aber springen Steinbrück bei. Oder vielmehr den Clowns, deren Beruf sie mit Inbrunst verteidigen. Dessen guter Name zum Beispiel in den Augen des Grünen-Politikers Volker Beck in Verruf gerate, wenn Berlusconi so genannt wird.
"Der Vergleich mit Berlusconi ist höchstens eine Beleidigung für jeden rechtschaffenden Clown." #peer
— Volker Beck (@Volker_Beck) February 28, 2013
Ralf Stegner, Mitglied im SPD-Bundesvorstand, sieht in der Clownerie eine hohe Kunstform, von dem dafür nötigen Können könne bei Berlusconi keine Rede sein. „Die sogenannte „politische Korrektheit" nimmt Formen an, die hysterisch anmuten“, twittert er.
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat ein kleines Team von Vertrauten um sich geschart, die ihn beraten sollen – und die Krisenmanagement betreiben müssen, wenn der Kandidat mit seinen lockeren Sprüchen für Wirbel sorgt. Zum Teil gehörten Steinbrücks Berater bereits zum engen Kreis um Altkanzler Gerhard Schröder und Ex-Parteichef Franz Müntefering.
Nach Kompetenzgerangel übernimmt Generalsekretärin Andrea Nahles die Hauptverantwortung für die gesamte Wahlkampagne. Enge Vertraute Steinbrücks verlieren bisherige Zuständigkeiten. Steinbrücks Kampagnenleiter Heiko Geue wird von einigen im Willy-Brandt-Haus kritisch beäugt.
Der Westfale war bereits in der Regierungszeit von Kanzler Gerhard Schröder Parteisprecher und ist als Steinbrück-Sprecher nun eine Schlüsselfigur im Team um den Kanzlerkandidaten. Donnermeyer galt als Gefolgsmann des damaligen SPD-Chefs Franz Müntefering, der ihn mit nach Berlin geholt hatte. Nach der Wahl 2002 wurde Donnermeyer Senatssprecher in Berlin, später dann Geschäftsführer des Informationszentrums Klima, das im Auftrag großer Energiekonzerne Lobbyarbeit für die umstrittene CCS-Technik macht. Derzeit ist Donnermeyer mit dem Krisenmanagement um Steinbrücks Italien-Äußerungen beschäftigt.
Der Medienprofi gilt als sehr gut vernetzt. Anders als Donnermeyer ist er nicht in der Parteizentrale angesiedelt, sondern soll von außen Steinbrück den Weg zu führenden Medienvertretern ebnen. Fäßler war erst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dann für die Medienkonzerne Gruner & Jahr sowie für Bertelsmann tätig. Zu seinen Freunden zählt der frühere Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der inzwischen nicht mehr der SPD angehört. Fäßler soll hinter dem verunglückten Internetportal „PeerBlog" gestanden haben.
Thüringens Wirtschaftsminister gilt als einer der wichtigsten politischen Berater Steinbrücks. Machnig leitete erfolgreich 1998 und 2002 die Wahlkämpfe Gerhard Schröders. Auch mit Müntefering arbeitete er eng zusammen, als dieser erst Generalsekretär und später dann Parteichef war. Nach 2002 war Machnig zeitweise für die Consulting-Firma BBDO tätig, die zahlreiche deutsche Konzerne berät, später für das Beratungsunternehmen Booz Allen Hamilton. Auch Machnig arbeitet als externer Ratgeber für Steinbrück, weswegen er sein Regierungsamt in Erfurt weiter ausübt.
Heiko Geuer ist Steinbrücks Kampagnenleiter. Wegen dieser Funktion ließ er sich von seinem bisherigen Posten als Finanz-Staatssekretär in Sachsen-Anhalt beurlauben. Ein Rückkehrrecht ist jedoch rechtlich umstritten. Auf Veranlassung von Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) verlor Geue daher seinen Job. In der Ära Schröder war Geue einer der Architekten der Agenda 2010 gewesen. Damals war er unter anderem als persönlicher Referent von Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier tätig. In der Zeit der großen Koalition koordinierte Geue den Leitungsstab des Bundesfinanzministeriums für den damaligen Ressortchef Steinbrück. Geue ist mit Steinbrücks Büroleiterin Sonja Stötzel liiert.
Der Politikwissenschaftler gehört seit Anfang Februar zu Steinbrücks Mannschaft. Noetzel soll für den Kandidaten kampagnenfähige Themen identifizieren. Er war bisher Leiter des Politik- und Analysestabs der Münchner Sicherheitskonferenz sowie Vorstandsmitglied der Berliner Denkfabrik „Stiftung neue Verantwortung".
Steinbrück selbst nennt den hessischen SPD-Chef als Berater in Finanzmarktfragen. Der eher dem linken Parteiflügel zugerechnete „TSG" gehört aber wohl nicht zum engeren Umfeld des Kandidaten.
Mit ihr gehört neuerdings auch eine Frau zu Steinbrücks Beraterstab. Jarmila Schneider unterstützt seit Mitte Februar als zweite Pressesprecherin den Hauptsprecher Donnermeyer. Sie war bisher Sprecherin der bayerischen SPD.
Scheinheiligkeitsvorwürfe kommen auch von Lars Klingbeil: „Viele von denen, die sich jetzt über "clown" aufregen fordern bald wieder Politiker mit Ecken und Kanten“, schreibt der netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.
Richtige Clowns sind Künstler- das kommt von "können"- davon kann bei dem Berlusconi keine Rede sein-eher die Karikatur eines Charlie Rivel.
— Ralf Stegner (@Ralf_Stegner) February 28, 2013
Ulrich Kelber zitiert ein Lied von Pink und spöttelt, Italien sei „full of evil clowns“, also voll mit bösen Clowns - wenn er die Textzeile auch falsch Lady Gaga zuordnet.
Schon Lady Gaga sang über Italien: "But now it's full of evil clowns" :-)
— Ulrich Kelber: (@UlrichKelber) February 27, 2013
Viele Follower haben wenig übrig für kleine Sticheleien und wollen lieber ernsthaft diskutieren. Ob das Zitat als offizielle Stellungnahme zu verstehen sei, fragt ein italienischer Journalist den SPD-Politiker Kelber. Der reagiert zuerst nur mit einem Smiley, verneint schließlich aber. „Halten Sie es für einen potenziellen Kanzler für klug, Leute zu beleidigen, mit denen er ev. zusammenarbeiten müsste?“, wird Stegner gefragt. Der aber bleibt dabei, dass Clown für Berlusconi „milde“ sei.
Während also die Frage diskutiert wird, ob der Kanzlerkandidat nun zu forsch oder noch nicht deutlich genug vorgegangen ist, dürfte sich vor allem eine Gruppe freuen: die Clowns.