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08.05.2008 
Boris Johnson

Der Perikles von London

von Matthias Thibaut

Londons neuer Bürgermeister Boris Johnson sieht wie ein übergewichtiger Lateinschüler aus, als er an seinem ersten Arbeitstag ins Rathaus radelt, wie immer mit der ledernen Schultasche über dem Rücken, in weißem Hemd und Krawatte. Neu ist nur das Polizeifahrzeug, das vorneweg fährt. Doch der Schein trügt.

Boris Johnson in einer Londoner U-Bahn. Foto: ReutersLupe

Boris Johnson in einer Londoner U-Bahn. Foto: Reuters

LONDON. Nicht nur die Polizei hat jetzt ein Auge auf "Mayor Johnson". Die Presse, lästerte der Ex-Journalist, warte "wie hyrkanische Tiger auf die Beute, die ihr schon so lange entging, den großen Johnson-Schnitzer". Der Mann ist eben altphilologisch gebildet.

Im Rathaus lässt Johnson dann, vielleicht um den Kollegen zu helfen, gleich die Trennwände in der Chefetage abmontieren. "Schluss mit der Cliquenwirtschaft", lautet seine Devise. Wie Perikles im alten Athen will er London regieren: demokratisch, liberal, bürgernah und ein Vorbild zivilisierter Bürgerlichkeit.

Dann beginnt er, die Administration seines Vorgängers Ken Livingstone "auf humane Weise zu euthanisieren". Livingstone erhält 70 000 Pfund Abfindung und kann seine Memoiren schreiben. Johnson hat mit einer strengen Buchprüfung begonnen, um Verschwendung im Stadthaushalt auszumerzen, und seinen Stab "stellvertretender Bürgermeister" ernannt. Er will die Rolle eines geschickten Aufsichtsratsvorsitzenden spielen; ein Kabinett aus kompetenten Verwaltungsleuten aus Londoner Stadtgemeinden mit konservativem Parteibuch werden die Tagesarbeit machen.

Umstrittenster unter ihnen ist Londons neuer Planungschef, Sir Simon Milton. Er war bisher Gemeinderatsvorsitzender von Westminister und machte sich einen Namen durch seinen Kampf gegen die zentralen Planungsbefugnisse, mit denen Ken Livingstone oft selbstherrlich die Entwicklungspläne der 32 Stadtgemeinden durchkreuzte - zum Beispiel mit den Hochhausbauten, mit denen Livingstone eine saftige Steuer auf "Planungsgewinne" kassierte. Hochhäuser seien Livingstones "Fetisch" geworden, kritisierte Milton, für London seien sie "eine Katastrophe".

Johnson will den Zentralismus abbauen, die Londoner "Borroughs", die Stadtgemeinden, wieder in ihre alten Rechte einsetzen und London als grüne Flächenstadt erhalten, wo man bis ins Zentrum noch sein Gärtchen hinterm Haus haben kann.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Los Angeles als Vorbild

Sein Vorbild ist Los Angeles: Auch seine "Zero Toleranz"-Politik hat Johnson der amerikanischen Metropole und dessen Polizeichef Bill Bratton abgeguckt. Mit Mayor Johnsons erstem Dekret wurde gestern Alkoholkonsum und das "Tragen offener Gefäße mit Alkohol" in Londoner Verkehrsbetrieben verboten. Einschüchternden Pöbel mit Bierdosen soll es hier nicht mehr geben.

Gleich am ersten Tag fuhr Johnson ins East End, wo die sozialen Brennpunkte sind, und legte seinem neuen Verantwortlichen für Jugendpolitik, Ray Lewis, den Arm um die Schulter. Der in Guyana geborene Schwarze, der es in England zum Gefängnisdirektor brachte, soll einen Kampf gegen Bandenkriege führen. Nur Stunden nach Johnsons Wahlsieg wurde der zwölfte Teenager in London mit einem Messerstich getötet.

"Wir brauchen nicht mehr Polizei, mehr Gefängnisse und noch mehr Jugendpsychologen. Wir brauchen Menschen, die in der Sprache der Bandenmitglieder sprechen", lautet Lewis' Rezept. Er betreibt im East End eine "Leader Academy" für gefährdete Jugendliche. "Es gibt zu viele Schwarze vor Gericht und zu wenige in Firmenvorständen", sagt er. Lewis will die "angeborene Führungsqualität" von Bandenführern ins Positive wenden; sein Projekt soll Vorbild für 100 neue "Respektschulen" in London werden, die Jugendliche von der Straße locken sollen.

London wird nun so etwas wie ein Versuchslabor für eine kommende Tory-Regierung. Aber viele warten darauf, dass der neue Perikles scheitert und Tory-Chef David Cameron möglichst mit in den Untergang zieht. "Boris hatte einen unheimlich starken Start", freut sich Cameron. Aber dann zieht er sich vorsichtshalber schon einmal aus der Schusslinie: "Boris ist unabhängig. Es ist sein Amt, sind seine Entscheidungen, seine Ernennungen."

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