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05.05.2008 
Gentechnik

Die EU, der Gen-Mais und die Macht der Schmetterlinge

von Helmut Hauschild

Umweltkommissar Stavros Dimas hat mit einem geplanten Anbauverbot für zwei genveränderte Maissorten eine Grundsatzdebatte in der Brüsseler Behörde ausgelöst - der jahrelange Glaubenskrieg in der EU über das Für und Wider der Gentechnik geht in eine neue Runde.

BRÜSSEL. Kollegen bescheinigen EU-Umweltkommissar Stavros Dimas eine ausgeprägte Sturheit. Dabei schwingt selbst bei seinen Gegnern Bewunderung mit. Denn die Beharrlichkeit, mit der Dimas seine Anliegen vertritt, zermürbt selbst hartgesottene Politprofis. Jüngstes Beispiel ist der Widerstand des 67-jährigen Griechen gegen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in Europa.

Kommissionspräsident José Manuel Barroso hätte das konfliktträchtige Thema am liebsten unter den Teppich gekehrt. Doch Dimas ließ ihm keine Wahl. Hartnäckig hält der Umweltkommissar an seinem Vorhaben fest, zwei genmanipulierte Maissorten trotz Unbedenklichkeitsbescheinigung der EU-Lebensmittelbehörde EFSA nicht zur Aussaat zuzulassen. Am kommenden Mittwoch sollen deshalb die 27 EU-Kommissare bei ihrer wöchentlichen Sitzung eine Grundsatzdebatte über die Zukunft der Gentechnik auf dem Acker führen.

Man könnte es auch eine Krisenaussprache nennen. Denn es geht um weit mehr als nur die Genehmigung zweier Anträge der Saatguthersteller Pioneer Hi-Bred und Syngenta. Dimas will die traditionell gentechnikfreundliche Kommission auf einen Kurswechsel einschwören. Es könnt ihm gelingen.

Denn der jahrelange Glaubenskrieg in der EU über das Für und Wider der Gentechnik in der Landwirtschaft geht auch an Brüssel nicht spurlos vorbei. Die EU-Mitglieder sind tief gespalten, weshalb Abstimmungen im zuständigen Ministerrat über einen Zulassungsantrag regelmäßig mit einem Patt enden. Dann aber muss die Kommission entscheiden. Bisher gab sie grünes Licht, wenn zuvor die Lebensmittelbehörde EFSA die Gen-Pflanze als unbedenklich für Umwelt und Gesundheit eingestuft hatte. Fast immer ging es dabei um die Einfuhr genveränderter Agrarprodukte wie Futtermais, Soja oder Raps in die EU. Für den Anbau dagegen hat die Kommission seit 1998 keine Gen-Pflanze mehr zugelassen. Allerdings hat sie auch keinen Antrag explizit abgelehnt.

Deshalb wäre es für die Gentechnik-Befürworter ein dramatischer Rückschlag, sollte sich Dimas mit seinem ausdrücklichen "Nein" zum Anbau der Maissorten Bt11 von Syngenta und 1507 von Pioneer durchsetzen. Der Verband Europabio, der 80 Hersteller vertritt, darunter auch Syngenta und Pioneer, warnt vor einem "Präzedenzfall". Erstmals würde die EU einen Zulassungsantrag gegen die Empfehlung ihrer eigenen wissenschaftlichen Behörde ablehnen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Risiken der Genmais-Sorten.

Dimas ficht das nicht an. Er glaubt, dass die EFSA-Wissenschaftler die Risiken der beiden Genmais-Sorten zu wenig geprüft haben. Bt11 und 1507 produzieren ein Gift gegen Schädlinge, die sich im Inneren des Maiskolbens einnisten. Denkbar sei, dass dieses Gift auch andere Insekten schädige, etwa die Raupe des Monarch-Schmetterlings, heißt es in zwei Vorlagen von Dimas für seine Kommissarskollegen. Fazit: Der Anbau der beiden Maissorten darf nicht genehmigt werden.

Noch vor wenigen Monaten seien alle Kommissare gegen die Ablehnung gewesen, bekannte Dimas jüngst freimütig. Doch inzwischen, so glaubt er, habe die Mehrheit ihre Position geändert und unterstütze ihn.

Sicher ist das aber nicht. Denn von höchster Stelle bekommt Dimas Gegenwind. Das Barroso unterstellte Generalsekretariat empfiehlt in internen Vorlagen für die Sitzung, "zum jetzigen Zeitpunkt" keine Entscheidung gegen die beiden Maissorten zu treffen. Sollte es neue wissenschaftliche Erkenntnisse gegen die Zulassung geben, müsse darüber zunächst die EFSA befinden, heißt es dort. Zudem seien negative Folgen für Europas Viehzüchter zu erwarten, wenn genverändertes Futter nicht angebaut werden dürfe und deshalb die Preise steigen.

Doch auch Dimas hat sich munitioniert, die bedrohten Schmetterlinge sind für ihn nur der Aufhänger einer Grundsatzkritik: 58 Prozent der Bürger Europas seien laut einer aktuellen Umfrage gegen die Nutzung genmanipulierter Pflanzen, dies müsse die EU ernst nehmen, wolle sie nicht weiter an Glaubwürdigkeit verlieren, argumentiert der Umweltkommissar.

Am Ende könnte die Haltung Barrosos über das Schicksal der beiden Maissorten entscheiden. Der hält sich bisher zwar bedeckt, doch einen Sieg hat Dimas bereits in der Tasche. Die deutsche BASF soll vorerst keine Freigabe für den Anbau ihrer Gen-Kartoffel Amflora bekommen. Vielmehr soll die EFSA nochmals eingehend die Risiken prüfen. Die Kommission hofft, dass ihr damit eine endgültige Entscheidung bis zum Ende ihrer Amtszeit erspart bleibt.

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