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14.07.2006 
G8-Gipfel

Putin, Potemkin und Zar Peter der Große

von Mathias Brüggmann

G8-Gipfel in Sankt Petersburg: Wie zu jedem Großereignis wird in Russland die Fassade gestrichen, während im Hinterhaus die Decke einstürzt. Sankt Petersburg profitiert wie kaum eine andere Stadt in Russland von der Gunst des Kremlherren.

Putins Venedig des Nordens: Sankt Petersburg. Foto: APLupe

Putins Venedig des Nordens: Sankt Petersburg. Foto: AP

MOSKAU. "Ich bin ein Petersburger" - so ergreifend wie John F. Kennedy sich einst zu Berlin bekannt hat, hat Wladimir Putin die Liebe zu seiner Heimatstadt nie zur Schau gestellt. Doch der Kremlherr, karg an Worten, ist ein Mann der Tat: So treibt die Polizei derzeit die Obdachlosen zusammen und verfrachtet sie aus der Stadt. Bürgerrechtler wurden von Beamten vorgeladen, ihre Wohnungen während des G8-Gipfels am Wochenende nicht zu verlassen. Einige wurden sogar verhaftet. Alle Kioske entlang der Einfalltrassen wurden mit Bulldozern abgerissen - wegen der Terrorgefahr. Von der Hitze ausgedorrter Rasen wurde mit grüner Farbe überpinselt. Um die in den letzten Monaten immer wieder durch brutale Morde an Ausländern aufgefallene Stadt etwas internationaler wirken zu lassen, wurden farbige Eisverkäufer angeheuert.

Putin, wie einst Potemkin: Wie zu jedem Großereignis wird in Russland die Fassade gestrichen, während im Hinterhaus die Decke einstürzt. Schon der in der Stadt auch mit seiner Erzählung über den Prachtboulevard Newskij Prospekt bekannt gewordene Dichter Nikolaj Gogol hat ja die "Toten Seelen" in seiner Heimat und das das Sein bestimmende Scheinen in "Der Mantel" entlarvt. Daran hat sich nichts geändert. Noch heute sehen ganze Straßenzüge mit ihren Einschusslöchern aus, als sei der Weltkrieg noch nicht vorbei. Bruno Ganz dienten sie als Kulisse für seinen Hitler in "Der Untergang".

Doch Putin ist auch Peter: Wie der große Zar, der 1703 seine neue Hauptstadt von Leibeigenen aus den Sümpfen des Newa-Deltas stampfen ließ, läuft Putin nicht nur mit Potemkins Farbeimer durch die Fünf-Millionen-Metropole. Vielmehr hat der in den Hinterhöfen der Stadt Aufgewachsene, der dort nach eigenen Angaben seine Muskeln beim Ringen mit den größeren Jungen und später durch Judo-Kurse gebildet hat, mehr für St. Petersburg getan als Generationen vor ihm.

Von der Wehrmacht 900 Tage lang mit einer Blockade ausgehungert, später von Stalin wegen ihrer zaristischen Vergangenheit immer wieder unterversorgt, brach die Wirtschaftskraft der größten Stadt an der Ostsee in den 90er-Jahren um über die Hälfte ein. Wie unterschiedlich aber die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist, in der laut Fjodor Dostojewski "abstraktesten und künstlichsten Stadt, die es gibt", belegen zwei Männer ganz unterschiedlicher Herkunft: "Früher war Petersburg die Insel der Demokratie in Russland", meint der Bürgerrechtsaktivist Daniil Kotsubinskij.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Putin baut sein Venedig des Nordens immer weiter aus.

Schalwa Tschigirinskij hingegen sieht das Gegenteil: "Vor zehn Jahren war dies eine düstere und schwermütige Stadt. Heute ist sie ein Schmelztiegel mit enormer Energie", sagt der Moskauer Milliardär. Und lässt für 320 Mill. Dollar den berühmten Architekten Norman Foster die roten Backstein-Lagerhäuser auf der Insel "Neu Holland" zu Theatern, Konzertsälen, Hotels und Restaurants umbauen. "Das wird eines der besten Kulturzentren Europas", schwärmt der britische Lord bereits.

Wie einst Peter der Große die Hauptstadt des Reichs als Fenster nach Europa an die Ostsee verlegen ließ, baut Putin sein Venedig des Nordens immer weiter aus: Das Verfassungsgericht zieht gerade per Präsidenten-Ukas von Moskau nach Petersburg. Die Konzerne folgen: Die Ölfirma Gazprom Neft, das zweitgrößte russische Geldhaus Vneshtorgbank, der Chemiekonzern Sibur, der Pipelineriese Transnefteprodukt, die Reederei Sowkomflot und die Fluggesellschaft Transaero - sie alle haben sich in den letzten Monaten nach Petersburg umgemeldet.

Zehn Mrd. Dollar mehr Steuereinnahmen kann die Oberbürgermeisterin Walentina Matwijenko so jährlich verbuchen. Zu Lasten anderer Regionen, die wie das sibirische Omsk nach dem Umzug von Gazprom Neft an die Newa vor dem Offenbarungseid steht. Finanzminister Alexej Kudrin, selbst Petersburger und dort früher Mitarbeiter des damaligen Vizebürgermeisters Putin, will diese Umzüge künftig untersagen, weil sie die Provinzen ausbluten lassen. Auch der bekannte Moskauer Ökonom Michail Deljagin kritisiert: So werde "Loyalität gegenüber den Petersburgern im Kreml bewiesen."

Doch nicht nur russische Firmen vernehmen den Lockruf Putins an den baltischen Meerbusen: Auch Ford und Toyota oder Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte haben sich hier schon angesiedelt. Und in Kremlkreisen heißt es auf die Frage, was Putin nach seinem Präsidentenamt werden wolle - "Mer", Petersburgs Bürgermeister, denn dort sei er früher nur Vize gewesen.

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