0 Bewertungen
12.02.2008 
Regierungskrise

Seifenoper auf französisch

von Ruth Berschens

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy steuert in seine schwerste politische Krise: Die Vermischung von privatem und politischem Leben hat die Sympathiewerte Sarkozys in den Keller rutschen lassen. Nun hat ihm auch noch sein Sohn Jean politisch dazwischengefunkt - und Sarkozys Kandidaten für das Bürgermeisteramt in Neuilly aus dem Rennen geworfen.

Nach Scheidung und Hochzeit im Schnelldurchgang durchlebt Frankreichs Präsident schon wieder ein Familiendrama. Foto: dpaLupe

Nach Scheidung und Hochzeit im Schnelldurchgang durchlebt Frankreichs Präsident schon wieder ein Familiendrama. Foto: dpa

PARIS. In welcher Republik leben wir eigentlich?" fragt sich der Chef der französischen Sozialisten, François Hollande empört. "In einer Monarchie", antwortet François Bayrou, Vorsitzender der Zentrumspartei Modem sarkastisch. "In einer Seifenoper", meint der grüne Spitzenpolitiker Noël Mamère.

Die bittersüßen Kommentare der Opposition gelten Nicolas Sarkozy. Nach Scheidung und Hochzeit im Schnelldurchgang durchlebt Frankreichs Präsident schon wieder ein Familiendrama. Sohn Jean hat seinem Vater politisch dazwischengefunkt. Im Pariser Vorort Neuilly hat der 22-Jährige aktiv dazu beigetragen, Sarkozys Kandidaten für das Bürgermeisteramt nur knapp vier Wochen vor der Kommunalwahl aus dem Rennen zu werfen.

Das ist keine Kleinigkeit: Beim Kandidaten namens David Martinon handelt es sich um den Sprecher des Élysée-Palastes und damit um einen der engsten Mitarbeiter des Präsidenten. Und Neuilly ist jener Ort, in dem Sarkozy selber politisch groß wurde und dem er 19 Jahre als Bürgermeister vorstand. Der Vorgang hat Symbolcharakter. Zehn Monate nach seinem grandiosen Wahlsieg rast "Speedy Sarko" mit Vollgas in seine bisher schwerste politische Krise. Seine Popularität beim Volk hat er eingebüßt, und seine Autorität im Regierungslager ist schwer angeschlagen. Die miesen Umfragewerte des Präsidenten ziehen die Regierungspartei UMP mit in den Keller. Sie muss bei der Kommunalwahl Mitte März mit einem Desaster rechnen. Gut möglich, dass die Sozialisten die konservativen Bürgermeister vieler Städte von Straßburg bis Toulouse aus dem Rathaus jagen.

Sarkozy hat das erste von fünf Amtsjahren noch nicht hinter sich, da macht sich in Paris schon eine Fin-de-règne-Stimmung breit. Minister sollen ihren Rücktritt angeboten haben, darunter die für Wirtschaft und Finanzen zuständige Christine Lagarde. Hinterbänkler der UMP wagen offene Kritik am mächtigen Generalsekretär des Élysée-Palastes, Claude Guéant, und meinen damit letztlich den Präsidenten selbst. Sarkozy hat ein Machtwort gesprochen und der Regierung mit einer durchgreifenden Kabinettsumbildung nach der Kommunalwahl gedroht. Die schwelende Palastrevolte kann er aber nur mühsam unterdrücken.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Vermischung von privatem und politischem Leben.

Es rächt sich nun, dass der Staatschef sein privates und sein politisches Leben stets hemmungslos vermischte. Jetzt lassen sich die Fäden kaum noch entwirren. Der jüngste Vorfall in Neuilly zeigt das geradezu exemplarisch. Denn hinter dem Gerangel um Kandidat Martinon stecken keine anderen als die beiden verflossenen Gattinnen des Präsidenten - beide wohnhaft in Neuilly.

Die eine - Cécilia - ist mit Martinon befreundet und hat ihn protegiert. Nur dank Cécilia sei der 36-jährige Diplomat Sprecher des Élysée-Palastes und Bürgermeister-Kandidat in Neuilly geworden, heißt es in den Fluren der Macht in der französischen Hauptstadt.

Die andere - Marie-Dominique - habe vom ersten Tag an gegen Martinons Kandidatur gekämpft, was Beobachter in Paris nicht zuletzt auf die Rivalität zwischen den beiden Frauen zurückführen. Für Martinon war Marie-Dominique eine gefährliche Gegnerin. Denn Sarkozys erste Frau gehört zu einem korsischen Familienclan, der in Neuilly seit Jahrzehnten die lokalpolitischen Strippen zieht. Marie-Dominique war es, die dem jungen Aufsteiger Sarkozy in den siebziger Jahren die Tür zum Stadtrat von Neuilly öffnete und damit den Grundstein für seine politische Karriere legte. Mit Marie-Dominique bekam Sarkozy zwei Söhne, der jüngere davon heißt Jean. Er ist es, der Kandidat Martinon in Neuilly jetzt zu Fall brachte. Cécilia konnte Martinon nach ihrer Scheidung vom Präsidenten nicht mehr helfen.

Cécilia ist gegangen, Carla ist gekommen. Auch Sarkozys neue Frau bringt Familie mit. Vater Bruni-Tedeschi durfte Sarkozy bei dessen politischen Visite nach Rumänien begleiten. Oppositionspolitiker Bayrou ist nicht der Einzige, dem das alles zu viel wird: Es gehe zu "wie bei Hofe" mit einem ständigen Wechsel zwischen "Gnade und Ungnade".

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige