100 Tage Bundesregierung
Die stille Macht

Seit 100 Tagen ist die schwarz-rote Regierung nun schon im Amt. Dabei haben vor allem außenpolitische Auftritte Angela Merkels Kanzlerschaft geprägt. Im In- und Ausland klatschen die Menschen Beifall. Lesen Sie, wie und warum sich die Kanzerlin den Applaus verdient hat.

BERLIN. Joseph Lieberman ist ein Mann der sparsamen Gesten und Mimik. Ruhig sitzt der demokratische US-Senator in der Bibliothek des „Bayerischen Hofs“ in München und überlässt seinem Kollegen John McCain das Reden. Aber dann kommt das Gespräch auf Angela Merkel und Lieberman schnellt förmlich nach vorne. „Sensationell“ sei die Frau, schwärmt er, „wundervoll direkt“.

Seit 100 Tagen geht dies nun schon so: Angela Merkel reist durch die Welt, macht Antrittsbesuche, schlichtet, mahnt und redet. Und wo immer die Bundeskanzlerin auch auftritt, erntet sie entweder Beifall oder erarbeitet sich zumindest Respekt. Während frühere Bundeskanzler erst am Ende ihrer Amtszeit die Außenpolitik entdeckten, sprang Merkel sofort auf die diplomatische Bühne. Vor allem hier wurde ihr Bild der ersten 100 Tage geprägt. Und Merkel spielte die Rolle so routiniert, dass SPD-Fraktionschef Peter Struck schon brummelt, die „Zeit der roten Teppiche“ müsse jetzt einmal vorbei sein. Schließlich warten nicht nur die „Niederungen der Innenpolitik“. Es gibt auch noch einen sozialdemokratischen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der gerne wahrgenommen werden möchte. Doch zunächst schoss Merkel in der Beliebtheitsskala auf Traumwerte von 80 Prozent. In ihrem Umfeld sorgt man sich mittlerweile eher, dass die Erwartungen an die Kanzlerin so nach oben schießen, dass sie letztlich unerfüllbar werden.

Brüssel, Paris, London, Warschau, Washington, Moskau, Jerusalem – in 100 Tagen hat Merkel behutsam, aber beharrlich ihren eigenen Kurs abgesteckt. Und zur großen Verwunderung der Sozialdemokraten hat sie dies ohne falsche Zwischentöne gemacht. Denn natürlich lauerten in der großen Koalition alle, ob sie nun mit dem Schröder-Kurs oder der Koalitionsvereinbarung bricht oder nicht. Das hat Merkel nicht getan, aber trotzdem das Kunststück fertig gebracht, mit einem anderen Stil erkennbar eigene Akzente zu setzen.

Wie das geht, demonstrierte sie etwa in Moskau. Erst spricht sie mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Am Abend lädt sie dann Vertreter von Nichtregierungsorganisationen in die deutsche Botschaft ein – nebst Kamerateams. Auf Russisch parliert sie mit den Gästen und erreicht vor allem eins: Obwohl sie keine inhaltliche Position in der deutschen Russlandpolitik ändert, tilgt sie die Erinnerung an Schröders umstrittene Worte vom „lupenreinen Demokraten“ Putin mit einem einzigen Auftritt.

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